Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Plath

LITERATUR

Industrie

des Verbrechens

Drei Maskierte erwarten den Journalisten Frank Ngyke Kangundu und seine Frau Hélène Mpaka zu Hause. Wir werden dich töten, sagen sie zu ihm. Als Hélène Mpaka zu fliehen versucht, erschießen sie zuerst sie, dann ihren Mann. Ihre fünf Kinder schauen zu, eines wird am Arm verletzt. Vor elf Tagen geschahen die Morde in Kinshasa, von denen Donat M’baya Thsimanga auf der Berliner Pressekonferenz von PEN und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels am Montag erzählte. Thsimanga ist Präsident der kongolesischen Organisation „Journaliste en danger“ (JED), die am Sonntag in Darmstadt mit der Hermann-Kesten-Medaille des PEN wegen ihres Einsatzes für verfolgte Autoren und Journalisten ausgezeichnet wurde.

Auch er hat eine Morddrohung von der „Industrie des Verbrechens“ erhalten, die in der Demokratischen Republik Kongo Journalisten und Menschenrechtsaktivisten durch Verhaftungen, Todesdrohungen, Auspeitschungen mundtot machen wolle. Das Klima habe sich vor den für Juni 2006 angesetzten Wahlen verschärft. Tshivis Tshivuadi, der neben Thsimanga sitzende Generalsekretär von JED, musste sich nach einem Artikel über eine Privatarmee monatelang verstecken. Er nickt, als Thsimanga sagt: „Der Kongo explodiert, wenn nicht gewählt wird.“ Alarmierendes berichtet das PEN-Komitee „Writers in Prison“ auch aus Nigeria, Sierra Leone, Kuba, China und der Türkei. Aus Solidarität mit bedrohten Kollegen lesen am heutigen „Writers in Prison“-Tag Brigitte Burmeister, Gert Loschütz, Peter Schneider und andere Autoren im Berliner Haus der Kulturen der Welt (19.30 Uhr).

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KLASSIK

Stampfende

Zwölftonreihen

Auch in der Musik gibt es so etwas wie One-Night-Stands. Stücke, denen man sich nur einmal gerne aussetzt, wiederholen möchte man den Hörakt nicht. Der 1972 in Estland geborene Kristjan Järvi hat gute Chancen, als führender Vertreter solcher spontanen, aber folgenlosen musikalischen Liebelei in die Annalen einzugehen. Im Konzerthaus reißt er das RSB gleich zu Beginn zu wuchtigen Klängen hin. Leider enttäuscht Carl Nielsens Aladdin-Suite aber schon bald mit wenig origineller Klangmalerei, die dänische Märchenstunde endet zudem recht unglücklich mit einem „Neger-Tanz“. Das Trompetenkonzert des in der Schweiz geborenen, heute in den USA lebenden Daniel Schneyder klingt dann so, wie neue amerikanische Musik eben oft klingt: eine hochvirtuos orchestrierte Melange aus klassischer Moderne und kundig eingestreuten Jazzelementen. Der fabelhafte Trompeter Reinhard Friedrich lässt das Stück gemeinsam mit dem Orchester in allen Farben brillieren.

Die erste Sinfonie von Arvo Pärt ist auf andere Weise zwiespältig. Strenge Zwölftontechnik wendet Pärt in seinen jungen Jahren an, kombiniert sie aber mit derart stampfenden Rhythmen, als ob sie aus der Feder von Carl Orff stammten. Eine eigenartig verunglückte Mischung, von der sich Pärt bald zu Gunsten meditativer, religiös motivierter Musik abwandte. Glücklicherweise präsentiert Järvi zum Abschluss mit Strawinskys Feuervogel-Suite noch ein Stück, das wiederholter liebevoller Zuwendung würdig ist. Ulrich Pollmann

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