Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

POP

Eine Löwin tanzt

über den Matsch

Vor zweieinhalb Jahren gab Sinéad O’Connor ein bezauberndes Konzert zwischen Folk, Rock und Celtic Soul mit einer exzellenten Band. Kurz darauf zog sie sich zurück aus dem Musikgeschäft. Jetzt ist sie wieder da, im Tempodrom . In lindgrünem T-Shirt und Jeans. Barfüßig und barhäuptig, wie ehedem. Großes Kreuz um den Hals. Endlich wieder diese schöne, tiefe, kräftige Stimme.

Nachdem man als Vorprogramm eine geschlagene Dreiviertelstunde plautzpolterigen Reggae der Begleitband ertragen hat, singt Sinéad etwas erholsam Ruhiges mit Akustikgitarrenbegleitung. Aber schon rumpelt die Band wieder los. Männer in langen, schwarzen Mänteln, massiv wie Dampfwalzen. Und die nächsten anderthalb Stunden ordnet sich die Sängerin, die so viel mehr zu bieten hätte, dem hölzernen Offbeat, der ohrenbetäubenden Lautstärke der wenig inspirierten Begleiter unter. Und schafft es trotzdem gelegentlich, mit exzellenter Stimm- und Mikrofonbeherrschung etwas Dynamik in den Klangmatsch zu zaubern. Wenn auch die gepriesene jamaikanische Rhythmustruppe von Sly Dunbar und Robbie Shakespeare am Werk ist, wirken deren endlose Dub-Passagen, Solo-Bass mit Schlagzeug in jedem Song, eher anstrengend und ermüdend. Sinéad scheint’s zu gefallen. Sie tanzt fröhlich und ausgelassen. Besingt mit irischem Akzent den Rastamann, den Löwen von Zion, Feuer und Flüsse von Babylon. Schon mit ihrem neuen Album „Throw Down Your Arms“ hat sie sich ausschließlich dem Reggae verschrieben. Alten Songs von Bob Marley, Lee Perry und anderen Größen des Genres. Und jetzt auch im Konzert nichts als Reggae. Zum Tanzen und Wippen ganz nett. Doch angesichts des musikalischen Ausdrucksspektrums von Sinéad O’Connor für alte Fans eher eine Enttäuschung.

KLASSIK

Flötentriller schweben

über dem Geist

Echte Klassiker sind rar – trotz oder gerade wegen der unzähligen hoffnungsvollen Talente, mit denen uns der Klassikbetrieb zum Beweis seiner jugendlichen Zukunftsfähigkeit überschüttet. Groß ist darum an diesem Abend in der Philharmonie die Bereitschaft, den 1927 geborenen Michael Gielen als Kultfigur und Grandseigneur der Dirigentenzunft zu feiern – zumal mit Beethovens Missa Solemnis eines der für diesen Zweck geeignetsten Werke auf dem Programm steht. Gielen aber erklärt das ehrgeizig-monumentale Spätwerk zur weihrauchfreien Zone.

Seine in der Ausbildung zu Chorsängern und Dirigenten steckenden jungen Mitstreiter von der Europa-Chor-Akademie sowie das Philharmonische Orchester Luxemburg versuchen nicht, ihm zu widersprechen. Statt Pathos ist es pure metallische Kraft, welche in den ersten zwei gigantischen Nummern auf die Zuhörer eindringt. Sie gewinnt noch an Intensität, wenn sich aus dem kompakten Tutti des hoch qualifizierten Chors die noch ausstrahlungsreicheren Stimmen der Solisten Luba Orgonášová (Sopran), Birgit Remmert (Alt), Christian Elsner und Bjarni Thor Kristinsson herauskatapultieren. Doch mit nur wenigen pointiert gesetzten Kontrasten hinterfragt Gielen das ostentative Glaubensbekenntnis: Mit dogmatischer Schärfe lässt er das Wort „scriptura“ (Schrift) deklamieren – um den Rhythmus dann im Motivspiel der Credo-Fuge zu befreien. Beim Lob der Jungfrauengeburt wiederum spaltet Gielen das Geschehen in autonom von einander ablaufende Klangebenen: Wie ein kalter Wind wehen die gezischten S-Laute des spiritus sanctus unter Flötentrillern fort. Und seltsam: Obwohl die Innenspannung nicht abfällt, endet das Werk in gefühltem Mezzoforte. Kein perfekter Gottesdienst. Aber man hat Neues über diese Musik erfahren. Carsten Niemann

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