Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Geheimnisse

ganz ohne Tonart

Ein Kompendium des Zwölftons ist Arnold Schönbergs Opus 31 genannt worden. Und doch mahnt das erste für Orchester geschriebene Zwölftonwerk an Schönbergs dringenden Anspruch, über der Technik die Musik nicht zu vergessen: „Ich unterrichte nicht ,atonale Musik‘ – sondern: Musik.“ So gesehen verwundert es nicht, dass Furtwängler die Variationen uraufgeführt hat und dass Daniel Barenboim nun mit der Staats kapelle Berlin in der Philharmonie die Partitur aushorcht. Bei aller Kompliziertheit nimmt Barenboim die Farbvaleurs, die sich der Dodekaphonie verdanken, Walzer und Rhythmen à la „Sacre“ als musikalische Charaktere wahr. Und in den kammermusikalischen Partien fällt die Solovioline Wolf-Dieter Batzdorfs auf, weil der Konzertmeister Anweisungen nach Art von „so schwach wie möglich“ ernst nimmt: Unprätentiöser Glanz aus guter Schule. Das B-A-C-H-Thema schließlich, in die Partitur hineingeheimnist, kann kein musikalisches Herz verfehlen.

Weniger glücklich gelingt Gustav Mahlers „Lied von der Erde“. Als verwechselte Barenboim das Podium mit dem Orchestergraben, erstickt er zunächst den Sänger im Schwall expressionistischer Ausbrüche. „Behaglich heiter“ – lyrisch intensiv – kann sich der Tenor Peter Seifferts dann mit dem Stück „Von der Jugend“ entfalten, das in Hans Bethges Nachdichtungen chinesischer Lyrik „Der Pavillon aus Porzellan“ heißt. Im „Abschied“ triumphiert der warme, vitale Ton Michelle DeYoungs. „Gänzlich ersterbend“ steht über den letzten Takten. Versteht sich, dass Mahlers häufige Anweisung „Nicht eilen“ bei Barenboim in den besten Händen ist.

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LITERATUR

Neues von der

Richterskala

Ein großes Beben ist oft das Ende einer Geschichte. In Jonathan Franzens Roman Schweres Beben (Aus dem Amerikanischen von Thomas Piltz. Rowohlt, Reinbek 2005. 688 Seiten, 24,90 €) braucht es seismisches Rütteln, um sie in Gang zu bringen. Den jungen Rundfunktechniker Louis Holland verschlägt es zu seiner Familie nach Boston, weil seine Großmutter bei einem Erdstoß zu Tode kommt und Millionen vererbt. Louis’ Mutter ist eine Egozentrikerin, für die nur der gesellschaftliche Aufstieg zählt und vor der auch Louis’ Vater Bob, ein kiffender Geschichtsprofessor, kapituliert. Sie denkt nicht daran, ihrem Loser-Sohn seinen Anteil auszuzahlen. Louis lernt Renee Seitschek kennen, eine junge Seismologin, die glaubt, dass die Erdbeben im Umkreis von Boston durch ein Chemieunternehmen ausgelöst werden und damit ein düsteres Kapitel aus Louis Familiengeschichte aufschlägt. Renee ist als Frau aber auch Expertin für innere Beben. Jonathan Franzen hat lange vor seinen gefeierten „Korrekturen“ schon 1992 diesen politisch und ökologisch allzu korrekten Roman geschrieben. Sein großes Thema, die Erosion der amerikanischen Familie, klingt an, ist aber weniger als Familiensaga denn als Gesellschaftspanorama angelegt: Es geht um die Geschichte Amerikas, Medienmacht, Umweltschutz, militante Abtreibungsgegner, skrupellose Industriebosse. Vor allem aber um Liebe, Sex und die Suche nach Wahrhaftigkeit. In den Passagen, in denen Franzen sich auf Nebenschauplätze begibt, schenkt er uns tolle Momente. Doch Franzen will zu viel auf einmal erzählen, und so fühlt man sich zwar bewegt, aber ein richtiges Beben ist es nicht. Gerd Nowakowski

POP

Die Aggression der

Leierkastenmänner

Überraschung: Der Abend beginnt mit gewaltigem Getöse. Als wollten Röyksopp darauf bestehen, dass ihre Musik keineswegs nur zur seichten Unterlegung von Caféplaudereien und Fernsehbeiträgen taugt. Das norwegische Popduo ersetzte schon auf ihrem zweiten Album „The Understanding“ (Labels/EMI) die verspielten Melodien durch Pomp und Pathos. Bei ihrem Auftritt im Postbahnhof nun sehen sie in roten Hemden und schwarzen Krawatten aus wie Kraftwerk-Klone. Eine riesige Audio-Kassette aus Schaumstoff im Hintergrund weckt nostalgische Gefühle. Zwar brechen sich sofort schwelgerische Strings die Bahn. Bevor sie aber in gefälliger Langeweile den Track beherrschen, zerhackt Svein Berge mit seinen E-Drums den Fluss der Melodien, vocodert Torbjorn Brundtland in Vocal-House-Manier ironisch ins Mikro oder wird kurzerhand das nächste Soundgebäude in neuer Schönheit aufgetürmt. So könnten Kraftwerk klingen, hätten sie statt des Fahrradsports die Liebe entdeckt. Ihren neckischen, aber allseits abgenudelten Hit „Eple“ spielen Röyksopp konsequent aggressiv vor sich hinleiernd. Ab und an wandelt die norwegische Sängerin Kate Havnevik feenhaft über die Bühne und imitiert meisterhaft – doch völlig unnötig – die verschiedenen Stimmen der Gastsängerinnen auf den Alben. Die durch die anfänglichen Dissonanzen versprochene Entgrenzung bleibt aus: Das Konzert ist punktgenau in seinen Effekten. Erst gegen Ende, getragen durch den Jubel, kommen die Norweger in Feierlaune. Bei der dritten Zugabe leisten sie sich dann den ersten Fehler: Sie spielen „Eple“ ein zweites Mal. Daniel Völzke

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