Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Geister nach

Noten

Ob man nicht auch die neue Schostakowitsch-CD des Beaux Arts Trios erwähnen könne, fragt die Pressedame im Foyer der Philharmonie . Gerne, warum nicht. Schließlich verdient es der Erwähnung, dass die fulminant hingelegte Zugabe von Track 3 (zweiter Satz des zweiten Klaviertrios) den Zuhörern genau jenen Adrenalinstoß versetzte, der in der ersten Konzerthälfte noch fehlte. Beethovens Tripelkonzert nach dem Geistertrio – eine kluge Kombination, welche die Ohren für das unterschätzte Tripelkonzert als feinsinnige Kammermusik öffnete: Selten wird ein so intensiver Kontakt unter Musikern erreicht, wie ihn Triogründer Menahem Pressler gegen alle Gesetze der Anatomie herstellte – die Kollegen, denen er seine Blicke zuwarf, befanden sich schließlich in seinem Rücken. Während der nobel-verschmitzte Pressler allerdings durch Leichtigkeit und Ausstrahlung des Tons überzeugte, ließ es Trio-Novize Daniel Hope des Öfteren an Fokus fehlen. Das begleitende Württembergische Kammerorchester Heilbronn unter dem reichlich verzückten Ruben Gazarian aber ließ das Feuer der Zugabe mit Beethovens Siebenter Symphonie weiter brennen.

KLASSIK

Kuss der

Glücklichen

Gemein! „Pechvogel und Glückskind“ sind vom Leben ungleich bedacht. Während der eine bei seiner bösen Tante sein Leben führt, ist die andere eine Königstochter, die nicht einmal weiß, was Weinen bedeutet. Doch auf der Studiobühne der Neuköllner Oper wendet sich das Blatt. Das Schöne an diesem Singspiel für Kinder von Winfried Radeke ist, dass am Ende alle lachen. Zu Beginn macht die Tante nicht nur den Kindern Angst, auch die Eltern fürchten ein arg pauschales Lehrstück. Durch einen Kuss von der bezaubernd quengeligen Prinzessin Glückskind (Filipina Carmela Henoch) wird Pechvogel (Janko Danailow) zur Frohnatur. Nun glänzt auch der sanfte Bariton von Andreas Joksch. Er gibt jetzt statt der besagten Tante den großartigen König Pummiphol. Dieser versucht in einem trickreichen Bühnenbild (Amparo Kuhlmann) herauszufinden, wieso Glückskind seit dem Kuss nur noch weint. Zum märchenhaften Klang der Harfe (Domenica Reetz) fällt es den Kindern gar nicht auf, dass ihnen mit Mischformen von Sprache und Gesang, Spiel im Spiel und einem Vokabularspagat von „Scheiße“ bis „nimmermehr“ einiges abverlangt wird. Die Trauer der Prinzessin entpuppt sich als Liebeskummer, und so kommt es, wie es kommen muss (wieder heute). Paul Bräuer

LITERATUR

Dresdner

Elegien

Die Weihe der Frauenkirche hat die Stadt wieder ins Blickfeld gerückt. Aber Dresden, der aus diesem Anlass mit vielen Reden mythologisierte Ort, hat viele Seiten – auch solche, die erstaunlich viele ältere und jüngere Dichter unermüdlich mit Gedichten bedecken. Selbst eine Dissertation über „Dresden im Gedicht nach 1945“ ist im Entstehen. Sozusagen als Probestück hat deren Autor, Renatus Deckert , ein Taschenbuch herausgegeben, (Die wüste Stadt. Sieben Dichter über Dresden. Insel-Taschenbuch, 265 S., € 12,50) das er jetzt in der Sächsischen Landesvertretung vorstellte.

Im Blick auf die zerstörte Stadt bieten die sieben Autoren: harte Wortarbeit an Trümmern und Depressionen, Elegien und Epitaphe, zumeist hoch artifiziell, melancholische Lyrismen. Sie bewahren im Gedächtnis eine denkwürdige Epoche – die Stadt eine „Ziegelsteppe mit vertreuten Kaminen“, während, unberührt davon, „sanft wie Tiere...die Berge neben dem Fluss“gingen. „Das grösste Ereignis dieser Stadt ist mit Sicherheit ihr Untergang“, sagt Durs Grünbein, 17 Jahre später hier geboren. Zwei Lyriker flankierten an diesem Abend lesend den Herausgeber: Grünbein und B.K.Tragelehn, Veteran der „sächsischen Dichterschule“, einer ironischen Fiktion, von einiger Langzeitwirkung. Hermann Rudolph

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