Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Kaskaden

am Ohr

„Am liebsten spielt er Mozart und Tennis“, so Musikwissenschaftler Heinrich Lindlar über Benjamin Britten. Dass die Angelsachsen „Music and Match“ weniger streng trennen als die Deutschen, nimmt beim Berliner Sinfonie-Orchester im Konzerthaus vergnügliche Klanggestalt an. Im Klavierkonzert D-Dur sieht Mozart durch die Brille Strawinskys dem 25-jährigen Britten über die Schulter, wenn es um spielerische Transparenz und federleicht beherrschtes Handwerk, aber auch Parodie geht. Der Solist Steven Osborne ist in seinem Element, zeigt sich kraftmeiernden Oktavkaskaden wie glitzerndem Girlandenwerk gewachsen und führt den ständigen Puls bald hämmernder, bald boshaft pickender Repetitionen präzise aus. Der überbordenden Virtuosität immer eine Prise augenzwinkernde Distanz hinzuzufügen, ist die Stärke dieses jungen und doch reifen Pianisten. Martin Brabbyns hält das Orchester in schöner Balance, ob im sinnlich leuchtenden Walzer oder im fetzig grellfarbigen Marsch. Mit leichter Hand steuert Brabbyns auch durch Mozarts Divertimento D-Dur KV 136, formt in feinsinniger Phrasierung schwingende Melodiebögen. Doch warum darf Tschaikowskys „Pathétique“ von dieser geistvollen Schlankheit nicht profitieren? Da dräut das Schicksal mit wuchtigen Pauken und markerschütternden, nicht immer sauberen Trompeten, herzt und schmerzt es bei den Streichern, als befänden wir uns noch in Brittens Parodie. Leider ist alles bitter ernst gemeint und zeigt gerade an „schönen Stellen“: Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es nur ein kleiner Schritt.

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LITERATUR

Jugend

im Sinn

So jung und schon so müde von Erinnerungen! Die zehn Autoren, die in einem Slam zum Thema „Ich erinnere mich an mich“ im Studio des Maxim Gorki Theaters lesen, sind kaum älter als Mitte 20. Doch ein schweres Ach! durchweht den Abend: Die Vergangenheit ist ein Teddy, der dich ohne Augen anstarrt. Die meist verwinkelten Geschichten entstanden für einen Wettbewerb, zu dem das bislang nur im Netz präsente Hamburger Freistil-Magazin für Sprache und Dichtung einlud. Die „Shortest Storys“ sollten inspiriert sein von dem am Gorki gespielten Stück „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war?“ von Joachim Meyerhoff. Doch auch wenn die Jury – zwei Schauspieler und der Dramaturg der Aufführung – in den Texten allenthalben Bezüge zur Vorlage ausmachen, sind die Kurzgeschichten sehr persönliche Erinnerungen an Kindheit, westdeutsche Kleinbürgeridyllen, die erste Liebe und den ersten Sex. Beatrice Graefs Text, von Jury und Publikum auf Platz eins gewählt, durchbricht das Schema aus Wehmut und Trotz. Sie erzählt eine dynamische On-the-Road-Geschichte, die mit Klischees vom wilden Leben spielt. Bevor sie kichernd aus der Rolle fällt, seufzt sie mit rauer Stimme und Schlafzimmerblick: „Mein Gott, was waren wir jung damals!“ – und wirkt damit wie eine Parodie auf die literarischen Fräuleinwunder der letzten Jahre. Ihre Geschichte wird im Freistil-Magazin abgedruckt, dessen erste Ausgabe im Januar erscheint und dessen im Gorki verteilte Nullnummer eine unterhaltsame, anspruchsvolle Lektüre verspricht. Daniel Völzke

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TANZ

Klotz

am Bein

Sie tanzen nicht barfuß und nicht in Spitzenschuhen: Für ihre Produktion aKabi hat Aydin Teker vier Tänzer in schwarze Schuhe mit monströsen Plateausohlen gesteckt. Die Choreografin aus Istanbul eröffnet die Tanzreihe von spielzeiteuropa im Haus der Berliner Festspiele . Teker ist eine der wichtigsten Vertreterinnen des zeitgenössischen Tanzes in ihrer Heimat. Sie entwirft Stücke, indem sie ein Problem ersinnt, dem die Tänzer sich dann stellen müssen. Diesmal sind es die Killersohlen, die an orthopädische Schuhe erinnern. Sie sind der Klotz am Bein, erschweren jegliche Bewegung, zwingen zu ungewohnten Schritten und werfen die Tänzer aus der Bahn. Diese loten unentwegt ihre Grenzen aus, bewegen sich am Rande der Balance. Auf dem massiven Sockel wirkt das Spiel der nackten Glieder umso filigraner. Die Tänzer kämpfen gegen die drückende Last und passen sich der wuchtigen Körperprothese an. So entstehen groteske Anatomien, bizarre Skulpturen, doch gegen Ende des 60-minütigen Stücks hat Teker ihr Thema formal ausgereizt. Zurück bleibt ein Staunen, mit welchen Zurüstungen wir unserer Wege gehen. Sandra Luzina

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