Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel Völzke

THEATER

Schwarz

ist das All

Drei, zwei, eins: Start! Die US-Raumfähre „Challenger“ schießt empor, durchbricht die Atmosphäre und klingt sich in die Umlaufbahn. An Bord auch der deutsche Wissenschaftsastronaut Reinhard Furrer, der auf einem Diktiergerät seine Eindrücke festhält. Andreas Ammer hat diese Aufnahmen von 1985 ausfindig gemacht und daraus zusammen mit der Laptop-Band Console das Hörspiel Spaceman 85 (erschienen bei Code/Hausmusik) komponiert. Auf der Bühne des HAU 2 präsentieren sie – unterstützt durch dokumentarische Videoprojektionen – dieses Radiofeature nun live. In Furrer haben sie einen wahrhaftigen Helden gefunden: Schon kurz vor dem Start redet er von der großen Einsamkeit. Erst recht im All fällt ihn der Horror Vacui an und er paraphrasiert Heiner Müller: „Schwarz ist das Weltall, sehr schwarz!“ Die schlechte Qualität der Aufnahmen unterstützt dieses Gefühl von Verlorenheit. Doch schon bald ergibt sich der Astronaut der Erhabenheit des Südlichts, bewundert die verglühenden Meteoriten, den Protonenregen. Er stammelt sich poetisch wie ein Gottesmystiker an den Rändern des Begreifens entlang. Die Bodenstation Console gibt dem Raumfahrer statt sphärischer Space-Opera-Sounds zurückhaltende, gleitende Dub-Beats mit auf die Reise. Behutsam wiederholt die Sängerin Miriam Osterrieder die Worte Furrers in wunderbaren Pop-Rezitativen – und wirkt dabei wie eine schüchterne Jungpionierin, hingestellt, die siegreiche Raumfahrt zu preisen. Doch das ist der Größe des Unternehmens angemessen. Schließlich hat Reinhard Furrer ganz Recht, wenn er staunt: „Für die Erde bin ich jetzt ein fliegender Stern.“

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LITERATUR

Schäbig

ist der Raum

Darf man nervigen Kindern einen erzieherischen Klaps geben, fragt Dan Richter das Publikum. Das Abstimmungsergebnis ist unentschieden. „Nur die eigenen?“ fragt jemand. „Tja“, sagt Richter und weiß nicht weiter. Eine Lesebühne ist bekanntermaßen kein literarischer Salon, sondern ein meist schäbiger Raum, in dem Geschichten erzählt werden. Die Autoren der Chaussee der Enthusiasten sind nicht tot, wie Foucault einst prophezeit hat. Sie stehen jeden Donnerstag vorne auf der Bühne des RAW und erzählen, was sie vorher aufgeschrieben haben: über sich selbst, ihre Gelüste, ihren Größenwahn. Über die ganz alltäglichen Katastrophen: Jochen Schmidt brüstet sich, einer der letzten eingeschriebenen Studenten mit einer fünfstelligen Immatrikulationsnummer zu sein, Volker Strübing schreibt eine Filmkritik, obwohl er „von Film keine Ahnung“ hat, und Andreas Kampa alias Bohni versucht sich in Bibelübersetzungen. Erlebnisliteratur wird hier geboten. Ob ein Text „funktioniert“ oder nicht, hängt manchmal weniger von seinen literarischen Qualitäten ab als von der Vortragsweise und Laune des Publikums. Die beiden jungen Verleger von Voland & Quist haben sich auf „Liveliteratur“ spezialisiert und die „Chaussee der Enthusiasten“ nun als Buch veröffentlicht, samt beiliegender CD (144 Seiten, 12,80 €). Lea Streisand

KUNST

Groß

ist der Schuh

Auch Maler brauchen gutes Schuhwerk. Kann aber auch sein, dass Heryun Kim im Sitzen oder barfüßig malt. Auf ihren Bildern jedenfalls sind Schuhe zu sehen, meist im Paar, archaische Modelle, mit wenigen Linien umrissen, die auf monochromen, oft wässrig-wolkigen Gründen schwimmen. Auf dem ultramarinblauen Öl-Triptychon „Irgendein Traum“ (2005), fünfeinhalb Meter lang, werden die Schuhe zu Booten, die wohl auf dem Totenfluss in den Hades treiben. Ein tröstliches Bild, denn auf ihrer Reise sind sie nicht allein. Anders als die kantigen „Letzten Schuhe“ (Serie von 2005), die eher an Särge erinnern – und doch keine Düsterkeit verbreiten, weil die südkoreanische Mal-Lyrikerin mit kraftvoll farbigen Hintergründen dagegenhält. Rabenschwärze, geballte Energie bietet dagegen ihr Landsmann Yusob Kim , der ein Stockwerk tiefer ins Ephraim-Palais eingezogen ist („Shoes for Painting“ und „Schwarze Bilder“, bis 4. 12., Poststraße 16, Di-So 10-18, Mi 10-20 Uhr). Über Kims teils gemalte, teils gemauerte, gespachtelte oder gekratzte Mischtechnikbilder wälzt sich schwarze Lava, von schlohweißen Flammen umlodert. Deutlich spannt der Koreaner mit diesen abstrakten Landschaften einen epigonalen Bogen von Emil Nolde über Robert Motherwell bis Anselm Kiefer – und beeindruckt doch durch Souveränität. Jens Hinrichsen

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ARCHITEKTUR

Hoch

schwebt der Bau

In einer „Poesie der Bauaufgaben“ würde ihm fraglos ein oberer Rang gebühren. Wann hat man schon von einem „Wolkenlabor“ gehört? Zauberreich und sphärisch klingt dieser Name. Doch anstelle wolkiger Bauformen und nebliger Materialien haben die Architekten Schulz und Schulz für das Leipziger Wolkenlabor in der Galerie Aedes West das Bild einer klaren physikalischen Versuchsanordnung gefunden (Savignyplatz, bis 15. Dez., Katalog 10 €). Schließlich wird in dem Gebäude Grundlagenforschung betrieben. Aus einem Baukörper aus Beton und Glas wächst ein Zylinder empor. Darin lagert die Wolkenversuchsmaschine: eine von Kühlflüssigkeit umgebene dünne Metallröhre, in der die Forscher des „Institute for Tropospheric Research“ die Bildung sämtlicher Wolken der Welt simulieren können – und den Einfluss menschlicher Störungen. Architektonisch wird dieser Prozess in dem mit eloxiertem Aluminium verkleideten Zylinder ausgedrückt. Für Poesie bleibt trotz so viel High-Tech dennoch Raum, wird der Umgang, der den Zylinder einfasst, doch von Oberlichtern in den Farben von Himmel, Wolken und Sonne beleuchtet: Blau, Weiß, Gelb. Und weil Grundlagenforschung etwas Abgehobenes hat, lassen Schulz und Schulz ihr Wolkenlabor dank eines schmalen Luftraums sanft über der Erde schweben. Jürgen Tietz

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