Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

KLASSIK

Monument

und Meditation

Hier kannst du tanzen, hier bist du Mensch. Das „Et incarnatus est“ der EsDur-Messe hat Schubert in 12/8-Takt gesetzt – und die Streicher des RSB wiegen sich sanft, während der Berliner Rundfunkchor zum Walzer aufspielt. Gebet eines Humanisten: Schuberts letzte Messe, entstanden im Todesjahr 1828, ist mit seinen innigen Menschwerdungs-Passagen und den schroffen Posaunen-Einwürfen nichts für ganz Fromme. Im „Credo“ verweigert der Komponist das Bekenntnis zur katholischen Kirche; er huldigt auch nicht Gottvater, sondern dem Sohn, der ein Erbarmen hat für die Zweifler.

Ein kluger, etwas anderer vorweihnachtlicher Konzertabend. Karl Amadeus Hartmanns „Friede Anno 48“ von 1936 verlegt das Krippenspiel ähnlich kontrastreich – hier die extremen Intervalle der Sopranistin Claudia Barainsky und die zerklüfteten Introduktionen des Pianisten Camillo Radicke, dort die erstickten Seufzer des Chors – in den Dreißigjährigen Krieg. Stille Nacht als Menetekel, und „der Büchsen Donner kracht“. RSB-Chef Marek Janowski mildert die Gegensätze zwischen Arbeiterchorfantasie, monumentalen Momenten und Meditation allerdings ab. Der Dirigent bevorzugt das Klangschöne, verschmelzt Stimmen und Instrumente, lässt die Schlüsse ausschwingen. Janowski, Meister des kultivierten, verhaltenen Affekts, kaschiert Kriegstrauma und Glaubensschock wie hinter Milchglas. Nicht versöhnt, aber bitte piano. Gut tut sie dennoch, in kalten Novembertagen: die wohlige Wärme einer Musik, die dem Kriegsgott in unfriedlichen Zeiten mit Wiegeschritten begegnet.

* * *

KLASSIK

Wir

und Ihr

Vor zwei Wochen beschworen die Berliner Symphoniker noch das Wir-Gefühl mit Beethovens Neunter, mit der sie bald auf Asien-Tournee gehen. Am Sonntag standen im Konzerthaus nun eher Gegensätze auf dem Programm. In Kammerbesetzung besinnt sich das von der Politik in die Insolvenz entlassene Orchester auf die Grundlage seiner Zukunft: Die Kunst macht den Unterschied.

Schon die Solisten in Bachs 5. Brandenburgischen Konzert sind ein ungleiches Paar. Die makellose Souveränität von Zohar Lerner (Violine) übertönt den zarten Atem von Birgit Schulz (Flöte), die aber ihre Partie zweifelnden, menschlichen Gegenpol auszulegen versteht. Das ist ganz im Sinne von Shalev Ad-El aus Israel. Der Dirigent und Cembalist sucht deutliche Kontraste. Auf der einen Seite unterstreicht er das barocke Konzert als prachtvolle Feier der göttlichen Weltordnung, indem er die aberwitzige Cembalo-Kadenz im ersten Satz nicht subjektiv furios spielt, sondern in schwirrend leichte Wellenbewegungen verwandelt. In den klassischen Werken kapriziert sich Ad-El dagegen auf die Gefühle. Mal ausladend, mal punktgenau befiehlt er die Orchestereffekte der wunderbaren D-Dur-Sinfonie des Bach-Sohns Carl Philipp Emanuel. In Luigi Boccherinis Sinfonie d-moll schließlich kitzeln die nicht immer intonationssicheren Symphoniker auf brillante Weise die dramatische Struktur des Stücks heraus – und führen so den Nachweis, warum es den Beinamen „La Casa del Diavolo“ trägt. Paul Bräuer

KUNST

Steine

und Schweigen

Ein Flirren geht durch den dunklen Raum, kaum hörbar: Das von Rolf Julius komponierte elektroakustische Ambiente, in das gleißender Zikadengesang und verzerrte Aufnahmen von Wassertropfen und Percussions eingewebt sind, wirkt wie belebte Natur hinter unsichtbaren Schleiern. Doch obwohl die Töne flattern und schwirren, erscheint seine Video-Klang-Installation „Musik weit entfernt“ in der Berlinischen Galerie (bis 29. 1., Katalog 5,40 Euro) konzeptuell, beinahe sakral. Die konzentrierte Raumbeherrschung lässt an japanische Gärten denken – fühlt sich der 66-jährige Julius doch durch asiatische Ideen beeinflusst. Streng reiht er kubische Steine auf, kleine Lautsprecher verstecken sich in schmucklosen Schalen, die von Julius „small music“ genannten Klänge flüstern, als wollten sie Stille werden. Auf der Membran größerer Lautsprecher tanzt trockenes Pigment, vom Geräusch tropfenden Wassers bewegt – umgekehrte Synästhesie.

Neu für den Berliner Künstler ist der Einsatz von Video: Flachbildschirme zeigen glitzernde Seen, Zweige in nordischem Licht oder frühere Klang-Installationen, die nun, stumm geschaltet, das scheinbar ortlose Gezirpe der Rauminstallation aufsaugen. „Musik weit entfernt“ wurde anlässlich der Verleihung des mit 10 000 Euro dotierten Hannah-Höch-Preises eingerichtet: Rolf Julius erhält die alljährlich von der Berliner Senatsverwaltung vergebene Auszeichnung für sein künstlerisches Lebenswerk. Der Geehrte zeigte sich „stolz auf die Stadt, die sich solche Preise leistet“. Daniel Völzke

* * *

POP

Schönheit

und Schmerz

Selten war man so froh, dass ein Popkonzert nicht in einer verqualmten Halle stattfindet. Es ist mucksmäuschenstill in der Volksbühne , als Antony & The Johnsons die Bühne betreten. Das ändert sich nur, wenn zwischen den Liedern Beifall aufbrandet. Hier will niemand einen Ton verpassen. Antony ist kein strahlender schwuler Ritter wie sein Freund Rufus Wainwright, sondern ein leicht dicklicher Transvestit aus New York, der mit Fransenfrisur und unförmigem Kleid wie eine kauzige Tante aussieht. Dann singt er, von den sechs Johnsons mit kammermusikalischer Präzision begleitet, mit einer Stimme, die ihresgleichen sucht in der Popmusik. Antonys vibrierende, zitternde Kopfstimme mag nicht jeden erreichen. Wer sein Herz jedoch öffnet für diese Töne, wird reich belohnt.

Antony singt reinen Herzens, wie ein erwachsenes Kind. Er rührt etwas vergessen Geglaubtes an, mit einer Balance aus Schönheit und Schmerz, aus Liebe und Trauer. Obwohl Antony in den letzten Monaten von einem märchenhaften Erfolg überrollt wurde, ist er bescheiden, beinahe verlegen. In jeder Geste schwingt Zärtlichkeit mit, die Vorstellung der Band gerät zu einer Liebeserklärung. Das tausendschöne „Hope There’s Someone“ wäre ein wundervoller Abschluss gewesen für ein Konzert ohne Zeitgefühl. Aber nach minutenlangem Applaus kommen Antony & The Johnsons zurück und spielen eine berückende Version von Lou Reeds „Candy Says“. Die Volksbühne ist an diesem Abend der schönste Platz im All. Jörg Wunder

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben