Kultur : KURZ & KRITISCH

Hans von Seggern * * *

POP

Der Anzug

sitzt

Aus dem Meer der von der Hit-Maschine Motown produzierten Formationen ragen heute wenige Ikonen heraus: Diana Ross, Marvin Gaye und Smokey Robinson. Und natürlich die Four Tops und die Temptations , die überragenden Gesangsformationen des legendären Soul-Labels aus Detroit. Beim Doppelkonzert im bestuhlten Betonzelt des Tempodrom erinnern die Four Tops mit „Loco in Acapulco“ gleich all jene, deren Kinder den Backstreet Boys Bärchen und BHs zuwerfen, daran, wer Synchrontanz und Harmonie-Vocals erfunden hat. In seinen weißen Anzügen brilliert das Vokalquartett mit Hits wie „Reach out, I’ll be there“ (1966) und „Standin’ in the shadows of love“ (1967). Doch 1970 war die Zeit vorbei für derlei Feelgood-Gesänge, Protest und Politisierung erreichten den Soul.

„Fear in the air, tension everywhere. Unemployment rising fast, Beatles music is a gas. And the only safe place to live is on an Indian Reservation“, rappen die Temptations. Die Politisierung des Soul bricht sich Bahn im Protest gegen Rassismus, soziales Elend, gegen kalte und heiße Kriege in aller Welt. Der Antikriegs-Klassiker „Ball of confusion“, im September 1970 auf Platz 3 der US-Charts, klingt noch immer mitreißend. Frisch und schwindelfrei wie ehedem präsentiert das Quintett seine Falsettstimmen wie die im doppelten Sinne auf Erschütterung zielenden Bässe. „Ball of confusion“, der Song, mit dem vor 35 Jahren der Psychedelic Soul begann, wird zum Triumph des Abends. Sein Text hat nichts von seiner Aktualität verloren: „People all over the world shouting: End the war!“ Hans von Seggern

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KLASSIK

Die Stimme

jauchzt

„Herrscher des Himmels, erhöre das Lallen, lass dir die matten Gesänge gefallen“, stimmt ehrfürchtig der Chor inmitten des Weihnachtsoratoriums an. Bei vielen Aufführungen der Bach’schen Festtagsmusik ist das nicht nur eine Geste der Unterwerfung unter den einen Gott, sondern schlicht lähmende Realität. Fehlt es an innerem Leuchten, dann zerfallen die Kantaten sogleich in anscheinend zusammenhanglose klingende Partikel. Dann denkt man unweigerlich an die eifrigen Forscher, die nachgewiesen haben, aus welch weltlichen Gelegenheitswerken Bach die Musik zu Verherrlichung von Christi Geburt zusammenkopiert hat.

Doch solche profane Erwägungen entschwinden auf der Stelle, wenn Enoch zu Guttenberg und seine Chorgemeinschaft Neubeuern in der Philharmonie das Weihnachtsoratorium anstimmen. In über 35-jähriger Zusammenarbeit hat sich aus einem ländlichen Dorfchor ein Klangkörper entwickelt, der Bach mit einer selbstverständlichen, bewegenden Bodenständigkeit singt. Mit einer Emotionalität, die aus Vertrautheit erwächst. Zu seinem wogenden Chor gebietet Guttenberg mit der Klangverwaltung über ein mit wunderbaren Solisten besetztes Orchester, das federleicht und historisch inspiriert durch das vorangestellte Magnificat und die Weihnachtskantaten 1 – 3 tanzt. Gestisches Musizieren, das aufs Herz zielt, auf unser Menschsein. Und trifft: Mit purzelnden „Jauchzet, frohlocket“-Rufen und einem ungemein zart fragenden „Wie soll ich dich empfangen?“. Große Freude. Ulrich Amling

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ARCHITEKTUR

Die Farbe

blitzt

Brünn, die mährische Industriestadt, wird architekturhistorisch stets mit der Villa Tugendhat von Mies van der Rohe verbunden. Doch es gab eine hoch interessante Moderne vor der so ungemein lebendigen Zwischenkriegszeit. Feurige Farben und die verschlungenen Formen floraler Ornamente kennzeichnen die repräsentativen Bauten der Sezession in Brünn. In den wenigen Jahren zwischen 1900 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs markieren sie in der zweitgrößten tschechischen Stadt die kunstvolle Loslösung von der überkommenen Welt des Historismus des 19. Jahrhunderts und die kreative Suche nach neuen architektonischen Dekorations- und Ausdrucksformen.

Eine Fotoausstellung im Tschechischen Zentrum, das sich dem architektonischen Erbe des Landes widmet, führt die Spielarten der Brünner Sezession vor (Friedrichstr. 206, bis 13. Januar, Katalog auf Tschechich 25 €). Während Leopold Bauers Villa Reissig (1901/02) mit ihrer wunderbaren Ausstattung von der kubischen Formensprache des Wieners Otto Wagner beeinflusst wurde, erweist sich die Villa Valstní (1905/06) von Dušan Jurkovic als Versuch, die Formen der Volkskunst für die Architektur zu nutzen. Besonders bei der Sakralarchitektur beeindruckt der Wille zum Neuen. Etwa beim markanten Turm der Kirche des Allerheiligsten Herz Jesu von Karel Hugo Kapek, dem ersten Brünner Kirchenneubau im 20. Jahrhundert. Und der Otto-WagnerSchüler Franz Holik entfachte mit dem Gesamtkunstwerk seiner Kirche der Unbefleckten Empfängnis Marias (1906/13) ein atemberaubendes Feuerwerk an Farben und Ornamenten. Jürgen Tietz

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