Kultur : KURZ & KRITISCH

Sandra Luzina

VARIETE

Anzüglichkeiten

beim Ausziehen

Nun lassen die Frauen nicht nur die Glocken schwingen, sondern halten beim Strippen das Heft in der Hand. Darüber konnte auch Rolf Eden nicht hinwegtäuschen, der bei der Premiere der Strip-Show Bumps and Grinds in der Bar jeder Vernunft (jeweils Fr u. Sa 0 Uhr) verlässlich als Materialprüfer zur Stelle war. Verdorbene Ware wurde nicht angepriesen, obwohl die Girls sich als gefallene Engel ausgeben. Regie beim Frauenkreisen führte Andreja Schneider, die bislang alle Nacktfotos mit den Geschwistern Pfister abgelehnt hat. Die Gelegenheits-Stripperinnen treten als The Teaserettes auf und tragen fröhlich ihren Dilettantismus zur Schau. Das Fatalste an diesen Femmes sind die Dessous, die bei der späten Mae West oder Betty Page abgeguckt sind. Nicht allein ums Ausziehen geht’s, sondern um verbale und nonverbale Anzüglichkeiten.

Erotik und Humor zu verschwistern, das versuchen die in den Vereinigten Staaten derzeit so angesagten New Burlesques. Victor Schefé als Teaser und Aufheizer treibt die sexuellen Klischees schon mal lustvoll auf die Spitze, wenn er die Auftritte der „kurvigen Kreaturen“ ankündigt. In jedem miauenden Naschkätzchen steckt eine Tigerin, das gilt es zu beweisen. Also vergreifen die Erotiktänzerinnen sich an dem Song „Teach me Tiger“, fegen mit dem Staubwedel die Bühne oder versündigen sich an einer Baguette-Stange. Sie gefallen sich weniger nackt, sondern neckisch, überschätzen aber maßlos ihr komödiantisches Talent. Zur hemmungslosen Trash-Orgie reicht es leider nicht.

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JUGENDTHEATER

Klassikerpflege

in Kniebundhosen

Auf der Bühne eröffnet sich ein lebendiges Barock-Panorama. Schauspieler und Musiker in gepuderten Perücken, Kniebundhosen und Reifröcken versetzen die vorwiegend jugendlichen Zuschauer von Bach 1-3 im Atze Theater (Max-Beckmann-Saal, Luxemburger Str. 20, Wedding) gekonnt zurück in das Leben des Johann Sebastian Bach (1685-1750). Die Musik des äußerst produktiven Komponisten, der über 1000 Werke hinterließ, spielt in der humorvollen und frischen Inszenierung von Matthias Witting eine wesentliche Rolle. Ausschnitte aus dem Wohltemperierten Klavier, der Matthäus-Passion, seinen Cellosuiten oder dem Weihnachtsoratorium untermalen die Bachsche Biografie musikalisch. Chronologisch, aber auch aus der Rückschau des erwachsenen Bach (sehr enthusiastisch dargestellt von Mirko Böttcher) und in Überblendungen reihen sich die Lebensstationen des Barock-Genies aneinander. Einem filmischen Vorspann gleich werden zur leichteren Orientierung jeweils am Anfang jeder Szene die Jahreszahl und der Ort der Handlung auf eine Wand projiziert. So wird Klassik häppchenweise serviert, für Jugendliche ab dreizehn Jahren auf hohem Niveau liebevoll zubereitet, ohne zu schwer verdaulich zu sein. Nur die Spieldauer ist mit 180 Minuten etwas überlang geraten (weitere Vorstellungen am 2., 3. und 7. 12., 19 Uhr). Annika Hennebach

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