Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Der Koloss

steht

Wenn Berlins Philharmoniker einen Dirigenten lieben, erkennt man das schon vor Konzertbeginn: Während Debütanten sich oft vor einem aushilfendurchsetzten Orchester bewähren müssen, kann Seiji Ozawa mit der prominentesten Besetzung rechnen. Und der 70-Jährige vergilt den Musikern diese Liebesbezeugung reichlich: Nach jedem Stück bedankt er sich ausgiebig bei allen Beteiligten, bevor er den Beifall in der Philharmonie entgegennimmt. Und vor allem hat er ein Werk ausgesucht, bei dem keine Orchesterfraktion zu kurz kommt: Schönbergs frühe sinfonische Dichtung „Pelléas und Mélisande“ ist ein dreiviertelstündiges orgiastisches Schwelgen in Orchesterfarben, changierend zwischen nachromantischem Weltschmerz und weitschweifiger Jugendstil-Ornamentik. Ein Stück, bei dem Ozawas noch bei Karajan und Bernstein erlernte dirigentische Handwerkskunst voll zur Geltung kommt: Souverän sorgt er dafür, dass der Koloss bei aller Hingabe an die Klangschönheit des Augenblicks doch nie strauchelt – und vereint Opulenz mit Geschmeidigkeit.

Beethovens Siebte ist freilich eine weniger glückliche Wahl: Wie der Niederländer Bernard Haitink gehört auch Ozawa zu einer Dirigentengeneration, deren Klassikerbild noch einem traditionellen monumentalen Klangideal verpflichtet ist. Beethoven als Glaubensbekenntnis – Fragen und Zweifel verboten. Doch das funktioniert mit den Philharmonikern nicht mehr; zu sehr ist ihnen Rattles historisch orientierter Beethoven schon in Fleisch und Blut übergegangen. Überraschend unkonzentriert, ja ratlos reagieren sie auf Ozawas animierende Gesten. Und das kann auch der Mantel der Liebe nicht zudecken (noch einmal heute, 20 Uhr).

* * *

ROCK

Der Bass

bebt

Eines Tages wird die Musik nicht mehr lauter, schneller und verrückter werden können. Bis dahin stehen Melt Banana aus Tokio ganz vorn auf der nach oben offenen Hammer-Skala. Seit zwölf Jahren verkörpern sie all das, was an Schnelligkeit und Verzerrungen jener Form von Popmusik schön ist, die jenseits der Hitparaden funktioniert und sich anhört wie eine explodierende Spielkonsole – im Sinne von Rock’n’Roll, versteht sich. Man muss sie einfach gern haben. Sie sind erstens zäher als der Rest und zweitens immer noch am besten, wenn sie auf der Bühne stehen, um ihr Publikum in eine Welt zu katapultieren, die vorgestern noch Science Fiction war und nun Wirklichkeit geworden ist. Seit 1994 haben sie fünf Alben produziert, deren Bilanz nun beim Auftritt im Maria gezogen wird wie ein Feuerwerk. Kein Song, der nicht wie ein rasender Knallkörper einschlägt. Ihre Spezialität sind kurz abgefackelte Blitzlicht-Haikus, Songs, die manchmal nur ein paar Sekunden dauern – und im grenzwertigsten Fall fast kürzer sind, als es dauert, den Song selber anzusagen. Das geht dann ungefähr so: „Next song iz called . . .“, dann zehn Sekunden wildeste Geräuscheinheit – Krch-IiiiZsch! – und ein anschließendes „Tank Yu“. Selbiges spricht die Sängerin Yasuko O mit dem sanften Charme eines unschuldigen Schulmädchens – um gleich die nächste Explosion anzukündigen und dabei zu kreischen wie ein Zahnarztbohrer, während der Mundschutz tragende Gitarrist sein Instrument als erhabene Lärmmaschine rettet und dabei Horizonte aufreißt, die an anderen Fronten nicht zu haben sind. Auch die Bassistin rumpelt wie ein kleines Erdbeben, obwohl sie kaum größer ist als das Holz, das sie in den Händen trägt, und der neue Drummer bearbeitet seine Schlagzeugkiste wie ein Kickboxer, dem gerade die Sicherung durchgebrannt ist. Unnötig zu betonen, dass hier astreine Musiker am Werk sind, die ihr eigenes kitzliges Verhältnis zu Instrument und Musik ausloten. Dies alles geschieht ganz metalmäßig mit millisekundengenauem Timing. Immer hektisch, hysterisch und hochenergetisch. Bis es verschluckt wird von einem Schwall schwirrender Elektronik und das Konzert so stillstehend endet, wie es entfesselt begonnen hat. Nenn’ es Chaos, Lärm oder reine Spielfreude: Das Geschirr im Regal des Oberstübchens zittert noch immer. Volker Lüke

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