Kultur : KURZ & KRITISCH

Sandra Luzina

TANZTHEATER

Schlüpf in

meinen Pulli

Auf Angelas T-Shirt steht „Jochen“. Als „Angela“ geht wiederum Jess Curtis an den Start. Wenn Jochen mit Angela alias Jochen tanzt, tanzt er dann mit sich selbst? Und wer hat überhaupt das Copyright? Es ist ein reizvolles Spiel, zu dem Jess Curtis, Ingo Reulecke, Jochen Roller, Angela Schubot und Sommer Ulrickson sich verabredet haben. Helge Musial lud die fünf Berliner Tänzer-Choreografen zu einem Experiment mit dem Titel 27 Points of View/27 Standpunkte ein. Der Abend in der Berliner Tanzfabrik (wieder heute und 9.-11., 16.-18.12., 20 Uhr 30) orientiert sich an Arthur Schnitzlers „Reigen“. Der Choreograf der einen Szene wird in der nächsten zum Tänzer.

Also jeder mit jedem – oder fast. Die kombinatorischen Möglichkeiten der Begegnungen stimmen nicht unbedingt mit den tatsächlichen Anziehungskräften überein. Ingo Reulecke ist anfangs mehr Jochen Roller zugeneigt, fällt aber Jess Curtis in die Hände, der ihn behutsam bewegt wie eine Gliederpuppe. Wenn man schon nicht in die Haut des anderen schlüpfen kann, dann wenigstens in seinen Pulli. Und Mann und Frau verschmelzen zu grotesken Doppelwesen. In flüchtigen Momenten verflüssigen sich Körpergrenzen und Identitäten. Ihre Namen haben sie zuerst vertauscht, danach tauschen sie auch ihre Gesten.

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THEATER

Roll in

meine Alten-WG

In einem Landhaus an der Nordsee prallen Lebensentwürfe aufeinander. Die bürgerliche Karriereplanung von Max findet wenig Anklang bei dem verschrobenen, weltverbesserischen Christoph, dessen Alltag außer durch Lesen damit ausgefüllt wird, dass er auf das Landhaus aufpasst. So weit die Video-Botschaft, die zum Auftakt von „Wir später“ in den Sophiensälen den Grundkonflikt skizziert. Es folgt der Sprung ins Jahr 2045 und auf die Bühne (wieder heute, sowie vom 8. bis 11. Dezember, 20 Uhr). Eine Senioren-WG ist zu sehen, bis auf Christoph wohnen die Freunde von einst wieder zusammen als Antwort auf Pflegenotstand und demografischen Faktor.

Mutig, sich mit der vergreisenden Gesellschaft auseinander zu setzen. Nur leider nicht visionär umgesetzt, was man angesichts eines Blicks in die Zukunft erwarten dürfte. Die technischen Neuerungen beschränken sich auf ein Einheitsgericht, einen Chip gegen Vergesslichkeit und eine penetrante Mailbox. Ansonsten: Jammern, Lamentieren. Sind nicht Elektrosmog und Emissionswerte als Diskussionsstoff schon nervig genug? Als Christoph in einem elektrischen Rollstuhl in die WG fährt und man zu hoffen wagt, dass ein kauziger Alter die Rentnertruppe aufmischt, wird nur eben das Thema gewechselt. Christoph braucht Geld für eine Behandlung, Geld wollte er damals auch schon immer. Sollen wir bedauern, dass er es nicht bekommt? Allein, es fehlt die Wut. Erik Zimmermann

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INSTALLATION

Leg dich auf

mein Sofa

Als „Liquid Modernity“ bezeichnet Zygmunt Bauman unsere Epoche, die durch technologischen Fortschritt ephemer, eben „flüssig“ geworden sei. In seiner Installation „home alone“ führt Jan Mancuska im Künstlerhaus Bethanien vor, wie sich besonders die Fähigkeit zum Dialog verflüchtigt hat (Mariannenplatz 2, bis 11. 12., Mi-So 14-19 Uhr). Ausgangspunkt ist für den tschechischen Konzeptkünstler die wahre Geschichte einer Frau, die sich in einen Mann verliebte, der seinen Fernseher um 90 Grad auf die Seite legte, wenn er im Liegen fernsah. Der Frau war das zu schräg, sie ging auf Distanz. Im Bethanien stellt Mancuska die männliche Marotte nach, in vierfacher Ausfertigung: Je ein Sofa mit Couchtisch und gedrehtem Fernseher lädt zum Hinlegen ein; das TV zeigt Endlosbilder von Sofas vor Fernsehern, die Sofas vor Fernsehern zeigen. Bevor sich der Betrachter im medialen Nirvana verliert, scheucht ihn eine Frauenstimme auf, die die wahre Hintergrundgeschichte erzählt, Satz für Satz auf die vier Lautsprecher verteilt. Man muss aufstehen, um folgen zu können. Endlosband und Endlosbild, Gesprochenes und Bildsprache taumeln aneinander vorbei wie ein Paar, das nicht zusammenfindet. Jens Hinrichsen

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