Kultur : KURZ & KRITISCH

Lea Streisand

LITERATUR

Wenn Frauen

brüllen

Sophie Rois, die grazile Furie des deutschen Theaters, liest Charlotte Brontës fiktive Biografie „Jane Eyre“ . Jenen Bildungs-, Schauer- und Liebesroman über eine junge viktorianische Gouvernante, die sich vom armen, ungeliebten Waisenkind zur angebeteten Schlossherrin mausert. Rois sitzt im Roten Salon der Volksbühne und brüllt ihr Manuskript an. Sie lässt die Kinnlade fallen, die Stimme überschlägt sich. Laut, zickig, ironisch interpretiert die Schauspielerin die Leidens- geschichte der jungen Frau, die sonst gerne als zurückhaltend und gottergeben gezeichnet wird. Rois entstaubt den Stoff, der scheinbar nur zum Kostümfilm und zur rührseligen Romanze taugt.

Wenn Miss Eyre bei ihrem ersten offiziellen Zusammentreffen mit ihrem späteren Ehemann Mr. Rochester auf seine Frage: „Halten Sie mich für gutaussehend?“ antwortet: „Nein, Sir“, ist das bei Rois pure Frechheit. Die zurückhaltende Hartnäckigkeit und Selbstreflexion der Ich-Erzählerin haben das gut 150 Jahre alte Buch zum Bestseller gemacht. Im bei Lido erschienenen Hörbuch nach der Neuübersetzung von Andrea Ott darf Jane Eyre gegen ihre Übeltäter nun lautstark die Stimme erheben. Die Stimme von Sophie Rois.

* * *

ROCK

Wenn Männer

hüpfen

Die Columbiahalle ist voll bis zum Rand des Erträglichen. Langhaarige, Kurzhaarige. Schmalztollen. Rocker, Rockabillys, Punks, Cowboys, Lederjacken, Truckermützen, schwarze Sonnenbrillen. Man kann kaum atmen. Zwei Logos leuchten auf: The Bosshoss. Das Auditorium wird zum Kreischsaal. Grelle Strahler. Auf der Bühne Action und „A Little Less Conversation“, der posthume Kunsthonig-Hit von Elvis. Gespielt von sieben Jungs in Cowboyhüten und Feinrippunterhemden.

Im Mittelpunkt Boss und Hoss auf Barhockern. Einer schrubbt die Gitarre, der andere das Waschbrett. Die Ansagen zu den umgemodelten Hits von Britney Spears, White Stripes, Eminem etc. machen die beiden Berliner in übertriebenem Südstaaten-Drrrawl, versteht sich. Wenn’s auch nicht jeder versteht. Egal, man kann ja zappeln, hüpfen, und den Hut lüpfen. Hervorstechende Harmonika, rasante E-Gitarre, Kontrabass, Schlagzeug. Und ein Mann am Riesenschüttelrohr. Hört sich lustig an. Und lebendiger als auf der Platte mit den künstlich kartoffelknödeligen Country-Gesangsparodien. Mit Original-Country hat das so wenig zu tun wie Gunter Gabriel mit Johnny Cash. Je weiter sich The Bosshoss von ihrer „Kauntri“-Posse entfernen, Richtung Rockabilly und Rhythm & Blues, desto besser. Wie in der schönen Bo-Diddley-Hommage in „Hot In Here“. The Bosshoss, diese muntere Karnevalspartyband, lässt sich langsam etwas einfallen für die Zeit nach Aschermittwoch! H. P. Daniels

KLASSIK

Wenn Komponisten

sich sonnen

Ein wahres Schloss am Meer sei die Villa Aurora , schwärmte Thomas Mann: Der Wohnsitz von Lion Feuchtwanger war Treffpunkt deutscher Emigranten. Schönberg, Brecht, Döblin, Einstein und Weill machten das bei Los Angeles an der Pazifikküste gelegene Haus zu einem Ort des Austauschs für Künstler, Wissenschaftler, Publizisten und Politiker. 1990, drei Jahre nach dem Tod von Marta Feuchtwanger, kaufte und restaurierte ein zu diesem Zweck gegründeter Verein mit Sitz in Berlin die Villa. Seitdem dient das Kulturdenkmal auch als luxuriöser Ort für Künstler-Stipendiaten (Tsp. vom 1. 12.).

Zum 10-jährigen Bestehen des Stipendiatenprogramms veranstaltete der Verein im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses die Reihe „Berlin meets Los Angeles in concert“: drei Abende mit Musik von meist deutschen Komponisten, die drei Monate im wohligen kalifornischen Klima arbeiten durften. Allzu sonnig oder unbeschwert klingen die am Sonnabend vom Ensemble Mosaik präsentierten Werke von sechs Stipendiaten allerdings nicht. Schon das Eröffnungsstück „Warlow: Der Jude von Malta“ von André Werner weckt mit knallharten und starren Klängen eher sibirische Assoziationen. Eindringlicher gelingen die „Fünf Wüstenlieder“ von Detlev Glanert, von Dirk Beiße am gedämpften Cello intoniert und von Summtönen und Beckenklängen feinfühlig begleitet. Am Schluss des Konzerts folgt ein veritabler Rausschmeißer: In Michael Wertmüllers „metal.batt.“ für Klavier und Zuspielband wird Ernst Surberg zum Tastenlöwen. Aus dem Duell mit den knalligen Schlagzeugklängen des Tonbands geht er als Sieger hervor. Ulrich Pollmann

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben