Kultur : KURZ & KRITISCH

Christine Wahl

THEATER

Ein Liebe

im Osten

Hoffmann (Uwe Schmieder) hat sich für das Wiedersehen schick gemacht. Nicht ganz stilsicher, aber farbenfroh: Hoffmann ist frisch wie sein Outfit und von keines Gedankens Blässe angekränkelt. Hinze (Werner H. Schuster) hingegen hat keine modischen Anstrengungen unternommen. Und mit den Gitarrentricks und Liebschaften in der ostdeutschen Provinz, von denen Hoffmann ihm jetzt wieder erzählt, tut er sich ebenfalls schwer. Er ist seinerzeit bei einem Fluchtversuch in den Westen verhaftet worden, hat jahrelang gesessen und glaubt, dass Hoffmann ihn verraten hat. Neu ist dieser Stoff nicht. Aber Dirk Josczok hat ihn zu einem erfreulich klischeearmen Dialog verarbeitet. Statt mit einer verbrieften Wahrheit entlässt uns sein Stück Zu den Sternen im Orphtheater (Ackerstr. 169/170, 6.–11.12., 20 Uhr) mit einem kritischen Blick auf die Mechanismen, nach denen „Wahrheit“ konstruiert wird. Weil Josczok aber einen ungebrochen realistischen Ton anschlägt, fühlt man sich bisweilen eher wie im kleinen Fernsehspiel. Das Regie-Duo Christin Eckart und Matthias Horn scheint diesen Eindruck zu teilen und lässt daher regelmäßig eine Anzugträgerin (Claudia Hübschmann) auftreten, die dem Ganzen mit bedeutungsschweren Textversatzstücken um Brudermord und Wahrheit von Peggy Mädler einen theoretischen Überbau aufpressen soll. Das wirkt so angestrengt wie die Schauspielerin selbst, so dass statt dramatischer Erhöhung eine komische Schieflage entsteht.

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OPER

Der Slapstick

regiert

Kinder sind besonders neugierige Menschen. Die junge Cordula Däuper fordert die Neugier heraus: Für Kinder ab Acht inszeniert sie Die Prinzessin auf der Erbse des Berliner Avantgardisten Ernst Toch aus den frühen Zwanzigern. Das Werk für Erwachsense wurde dazu, typisch Komische Oper , stark bearbeitet. Die impulsive Prinzessin (Miriam Meyer) ist nicht echt, sondern die heimliche Freundin des Prinzen (Thomas Ebenstein). Unterstützt durch choreografierte Chöre, verlegt Markus Karners Bühnenbild den Königshof des Andersen-Märchens in ein Matratzengeschäft mit Putzfrau (Barbara Sternberger). Schwieriger ist es mit der dissonanten Musik. Wo Kurt Weill Gassenhauer einbaute, bleibt bei Toch komplexe Vielstimmigkeit. Der Charakterbass des Matratzen-Königs (Carsten Sabrowski) hat Mühe, den eifrigen Hofstaat (Hans Gröning und Peter Renz) zusammenzuhalten. Zwar wird vieles mit Worten erklärt oder konterkariert: Die schrille Königin (Bettina Jensen) klagt nach einer besonders dichten Partie über Migräne.

Doch fragt man sich, warum eigentlich Kinder an ein schwieriges Musikmärchen für Erwachsene herangeführt werden sollen, wenn die ironische Mimik dazu auf Slapstick reduziert wird. Trotzdem, den Kindern gefällt’s: die Kissenschlacht, die schmissige Rhythmik des Orchesters unter Leitung von Wolfgang Wengenroth. Paul Bräuer

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OPER

Klingendes

Geplänkel

Den Berliner Opernhäusern ist eine unliebsame Konkurrenz erwachsen: Musikalisch mustergültige Aufführungen finden zusehends nicht mehr auf der Bühne, sondern im Konzertsaal statt. Ob Rattle mit den Philharmonikern oder gerade erst René Jacobs mit dem Freiburger Barockorchester – von den Standards, die hier für ein, zwei Aufführungen geschaffen werden, kann der Repertoirebetrieb nur träumen. Auch William Christie trifft im Konzerthaus auf Anhieb den spritzigen Tonfall, den es für Rameaus Ballett-Oper Les Paladins braucht: Auch nach Jahrzehnten ist Christies Rameau noch taufrisch, scheint die Musik fortwährend über ihre eigene Kühnheit zu staunen, klingen ihre Schnörkel und überraschenden Wendungen völlig spontan. Faszinierend, wie Christie das stilistische Konzept hinter der galanten Fassade hörbar macht: Der Geist des Tanzes durchdringt die Pose der Oper und löst die starren Gefühle in amouröses Geplänkel auf. Dass die Handlung des Stücks eher krude ist – wen stört’s angesichts eines so putzmunteren Ensembles junger Sänger, das im Konzerthaus um das fabelhafte Musikerhäuflein von Christies „Les Arts Florissants“ herumtobt? Aber vielleicht nimmt eines der Opernhäuser den frenetischen Applaus des Publikums ja als Ansporn für eine szenische Produktion: Sasha Waltz, übernehmen Sie! Jörg Königsdorf

POP

Sag mir,

wo die Stille ist

Starsailor machen Rock, irgendwie. Das Intro von „Counterfeit Life“ wabert aus den Boxen der Columbiahalle . Eins wird klar: Das Quintett aus dem nordenglischen Wigan setzt auf Lautstärke und Härte. Vielleicht möchte die Band endlich heraus aus dem Schatten von Coldplay, für die sie bei ihrer ersten Deutschlandtour eingesprungen war. „Silence is easy“ heißt eines ihrer Alben, frei übersetzt: Nur Balladen, das wäre zu einfach. Trotzdem sind sie darin immer noch am besten. „Alcoholic“, „Fever“ damals, „Jeremiah“ heute, der schönste Song der CD „On the outside“ (EMI). In Berlin spielten Starsailor ihn allerdings nicht; die Epigonen des jüngsten Britpop-Hypes liefern soliden Radio-Hitpop. Mit heller Stimme quetscht James Walsh Antikriegszeilen: „We’ll overcome/The evil mind/behind that bomb“. Hall-Spielereien vermitteln Stadionatmosphäre, die Fans singen mit. Starsailor wollen „das Beste der frühen Starsailor, perfekt kombiniert mit vielen neuen Ideen“ (Walsh) sein. In solchen Kompromissen lauert die Gefahr der Belanglosigkeit. Jürgen Stark

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