Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Göttlicher Funke,

menschliche Inbrunst

Es muss nicht immer Bachs „Weihnachtsoratorium“ sein. In der Philharmonie wurde am Montag zur Abwechslung das viel kürzere, bescheidenere, gleichwohl anspruchsvolle Oratorio de Noël von 1858 des Katholiken Camille Saint-Saëns gegeben. Von wegen Pauken und Trompeten: Behutsam greift der Erzengel in der ersten Arie den Ton der Orgel auf und reicht den göttlichen Funken weiter: Vom Duo bis zum Quintett weiten sich die Solonummern, bis die gute Botschaft als inniger Choral beim Chor und damit sinnfällig bei den Menschen ankommt.

Für diese Weitergabe bedarf es fähiger und uneitler Solisten: Marietta Zumbült, Bettina Denner, Bogna Bartosz, Maximilian Schmitt und Jörg Gottschick. Unterstützt vom sauber intonierenden Philharmonischen Chor Berlin und dem samtweich spielenden Staatsorchester Halle unter Jörg-Peter Weigle verbinden sie vom ersten Ton an schlichte Inbrunst mit kammermusikalischem Ensemblegeist. Nach der Pause dürfen bei Francis Poulencs „Gloria“ dann wieder die Pauken dröhnen. Und Marietta Zumbült beweist mit ihrem warmen Sopran virtuos, dass sie ein würdiger Ersatz für den erkälteten Erzengel Annette Dasch ist.

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DENKMALPFLEGE

Schatzkammer

Schlesien

Bis Breslau fährt man von Berlin nur ein paar Stunden: Wroclaw ist eine lebendige polnische Großstadt. Seine Kirchen, Adelspalais und Bürgerhäuser, die den Kampf um die 1945 zur Festung erklärten Stadt überstanden haben oder in den Nachkriegsjahrzehnten von polnischen Denkmalpflegern sorgfältig wieder aufgebaut wurden, künden von der nichtpolnischen Vergangenheit der einstigen Hauptstadt Schlesiens. In seiner 1000jährigen Geschichte gehörte Schlesien zum polnischen Herzogtum, zu den Königreichen Böhmen und Ungarn, zum Habsburgerreich und ab 1742 zu Preußen. Prag, Wien und Berlin drückten der reichen Provinz ihr bauliches Gepräge auf: ein hierzulande unbekannter Schatz.

Vor 100 Jahren war das anders. Damals begründete der Kunsthistoriker Georg Dehio das Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, das im zweiten Band auch über die Monumente Schlesiens informierte. Nach 1945 wurde der „Dehio“ für die BRD und die DDR fortgeschrieben, deutsche und polnische Forscher gingen fortan getrennte Wege. Nun legt ein deutsch-polnisches Kunsthistorikerteam den ersten Band eines Dehio-Handbuchs der Kunstdenkmäler in Polen vor: natürlich über Schlesien (Deutscher Kunstverlag, 1300 S., 49,80 €). Das Buch (wie alle Dehio-Bände leider ohne Abbildungen) erscheint demnächst auch auf Polnisch. Ein beeindruckendes, nützliches Kompendium, ganz ohne historisch verbrämte Nationalismen. Endlich. Michael Zajonz

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