Kultur : KURZ & KRITISCH

Christine Lemke-Matwey

KLASSIK

Weg mit der

Puderperücke

Wenn der Hausherr fremde Gäste mitbringt, kann das böse enden. Wird ihnen das Essen schmecken, wird man sie mögen, wird gar der Hausherr selbst das Fremdeln anfangen? Bei Simon Rattles Gastauftritt mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment in der Berliner Philharmonie musste man sich diese Sorgen nicht machen. Stolz präsentiert Rattle seine alten Freunde, man kennt, man schätzt sich seit über 15 Jahren. Und die Musik gibt dieser Beziehung Recht. Ensembles wie Les Arts Florissants mögen spritziger sein, die Akademie für Alte Musik konfrontationsfreudiger: Die Sauberkeit, mit der die Engländer artikulieren, ihr natürlicher Redefluss, das Timbre der Bläser, ja überhaupt die ausgeprägte Individualität der einzelnen Gruppen – dies ließ Mozarts „Idomeneo“-Ballettmusik zu Beginn herrlich auftrumpfen.

Dass Rattle kein Harnoncourt ist, der hinter jeder Dissonanz sogleich das große Drama wittert, und auch kein Minkowski, der aus jedem kleinen Vorhalt noch Funken schlägt, mag man in der Alten Musik bisweilen bedauern. Trotzdem gerät ihm Haydns Oxforder Sinfonie wundersam dicht: der Kopfsatz ein Manifest geistreicher Konversation, das Adagio perfekt geatmet, das Menuett eher bodenständig und ohne jede Puderperückenallüre. Die Enkel der so genannten Originalklang-Bewegung, sie nehmen‘s eben ein wenig gelassener.

Magdalena Kozená indes, die Solistin, hat es nicht leicht. Als heftig erkältet und entsprechend indisponiert angesagt, braucht sie eine Kantate und drei Arien, um erst bei der Zugabe („Voi que sapete“ aus Mozarts „Figaro“) freier und lockerer zu agieren. Gewiss, der Tschechin kann stilistisch-rhetorisch so schnell nichts passieren; ihrem schlanken Mezzo aber fehlt an diesem Abend die Attacke, der dramatische Kern ebenso wie eine verlässlich strahlende Höhe. Theaterblut vergießt Kozená hauptsächlich mimisch und gestisch – wie sich ihre Stimme mit dem nur Konzertanten ohnehin etwas schwer zu tun scheint. Ein paar fahle Töne, einige geläufige Koloraturen und sehnsüchtig das Weite absuchende Blicke reichen nicht ganz, um Haydns „Arianna a Naxos“ Leben einzuhauchen. Und auch Mozarts Dorabella oder Susanna bleiben merkwürdig bemüht, ja abstrakt.

KUNST

Schock und

Schönheit

Unter den Leitbegriff „Das Universalmuseum“ ist das Jubiläumsjahr der Staatlichen Museen gestellt. Seit 175 Jahren werden hier die Enden der Welt, die verschiedenen Forschungsgebiete und Künste unter einem Dach zusammengebracht. Zum guten Schluss holen Neue Nationalgalerie und Ethnologisches Museum (Lansstr. 8, bis 23. 4.) noch einmal weit aus und finden perfekt zueinander: auf dem Gebiet des Surrealismus und der Südsee-Kunst.

Wie schon bei der Brücke-Ausstellung ergänzen sich die beiden Häuser ideal mit ihren Beständen, denn ähnlich wie sich die Brücke-Künstler von der afrikanischen Kunst inspirieren ließen, schätzten die Surrealisten die primitiven Skulpturen der Südsee . Doch anders als ihre Kollegen in Berlin, die sich bei der afrikanischen Skulptur für ihr Formenrepertoire wichtige Anregungen holten, übernahmen die Pariser Surrealisten nur die „poetische Schönheit“ der Südsee-Objekte. Bei der Betrachtung einer Maske aus Papua-Neuguinea spürten die Künstler das gleiche schockhaft-kathartische Erlebnis, das sie auch mit ihren Werken herzustellen suchten. Ein hoch spannendes, ambitioniertes Ausstellungskonzept, doch leider erfährt Die Poesie der Dinge , so der Titel der kleinen Schau mit acht Leihgaben vom Kulturforum, in Dahlem ein Begräbnis erster Klasse: Der Ausstellungssaal befindet sich geduckt unter einer finsteren Decke, dazu dröhnt die Klimaanlage. Ein Jammer! Gerne hätte man die Werke an einem lichten, ruhigen Ort zusammen gesehen, um dort kathartisch-schockhafte Momente der etwas anderen Art zu erleben. Nicola Kuhn

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