Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

KLASSIK

Scharfe

Kanten

Energie ist gar kein Ausdruck. Wenn Simone Young dirigiert, erlebt man einen Temperamentsausbruch nach dem nächsten. Die australische Dirigentin und Intendantin der Hamburger Staatsoper bevorzugt kräftige Farben, den breiten Pinselstrich. Eine Zeremonienmeisterin der Deutlichkeit. Young, die für ihr Debüt bei den Berliner Philharmonikern für den erkrankten Mariss Jansons einsprang, ist nicht die erste Frau am Pult des Berliner Orchesters, sondern die zehnte. Allerdings dirigierte die letzte, Sylvia Carduff, vor 27 Jahren. Deshalb hat der Abend mit Hindemiths Symphonie „Mathis der Maler“ (die Oper steht derzeit in Hamburg auf dem Programm) und Bruckners Dritter in der frühen, ausufernden Fassung von 1873 für die jetzige Publikums- und Musikergeneration Neuigkeitswert. Kurze Nervosität zu Beginn, dann herrscht Selbstdisziplin. Ein glasklarer, sportlicher Hindemith – „Mathis“ als Tagtraum statt nächtliche Künstler-Vision. Bruckners d-Moll-Ursuppe, aus der die Riesen-Symphonie emporsteigt, trocknet Young aus zur schroffen UrstromtalLandschaft mit scharfkantigen Felsformationen. Die eigentliche Herausforderung, der ökonomische Umgang mit der Lautstärke, das Aufsparen der Apotheose, nimmt Young gar nicht erst an. Sie buchstabiert den Spätromantiker aus, setzt hinter jede Phrase ein Ausrufezeichen. Kein Irrlichtern, kein Zauber, keine Befremdung. Alles so diesseitig: Simone Youngs Emphase bleibt mechanisch. Nebenan, im Regierungsviertel, regiert ja auch die neue Nüchternheit (wieder am 9. und 10. 12., 20 Uhr).

KLASSIK

Weiche

Übergänge

Zwei einander wohlbekannte Herren setzen sich zusammen ans Klavier und nehmen sich mal wieder die Noten der Mozartsonaten für vier Hände vor. Die beiden haben Spaß daran, wie gut die Sache im Großen und Ganzen noch läuft, wie virtuos sie sich gar nicht in die Quere kommen, wenn Mozart die Hände ineinander greifen lässt. Radu Lupu sitzt völlig entspannt auf seinem Stuhl und übernimmt in der Sonate C-Dur KV 521 den Diskant, während Daniel Barenboim mit seinem Bassfundament die allzu gelassene Musizierweise Lupus immer mal wieder anzuschieben versucht. Doch es bleibt bei gediegenem Legatospiel mit viel Pedal. Zwischen den Sätzen üben die beiden kurze Manöverkritik, verständigen sich mit dem Umblätterer. In der Sonate F-Dur KV 497 tauschen sie die Positionen, und immerhin gibt es nun einige überraschende Non-legato-Momente, die daran erinnern, wie differenziert Mozarts Musik gespielt werden könnte. So aber bleiben die beiden Sonaten für Klavier zu vier Händen, immerhin zwei der wichtigsten Kompositionen ihrer Gattung, belanglos wie ein Entspannungsbad in der Wellness-Oase. Zum Schluss des Konzerts in der Staatsoper setzen sich die beiden noch für die Sonate D-Dur KV 448 an zwei Klaviere und wirken nun wie ausgewechselt. Plötzlich spielen sie heiter gelöst, entwickeln ein Gespür für Lichtwechsel, Schattierungen und den formalen Aufbau dieser Sonate. So wird doch noch deutlich, dass Mozart diese extrem formbewusste Musik zum Vergnügen geschrieben hat. Stehende Ovationen, ist doch klar. Uwe Friedrich

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