Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Ins Labyrinth

verbannt

Thees Uhlmann ist der Konsensdarling des deutschen Indierock: Jeder liebt die norddeutsche Schnoddrigkeit des Tomte-Sängers, sein Label Grand Hotel Van Cleef läuft super, und die dritte Tomte-CD wird mit Spannung erwartet. Das Solo-Konzert im Keller des White Trash Fast Food ist ausverkauft, der Ort allerdings eine Zumutung: Die Bühne befindet sich am Ende eines schlauchartigen Labyrinths, das als pseudokeltische Gipskatakombe wie der Albtraum eines Raumdekorateurs aussieht. Wer weiter hinten steht, kann das Geschehen mit etwas Glück auf einem der Fernsehmonitore verfolgen. Thees Uhlmann und seine beiden Gitarrenbegleiter kleben wie drei Fragezeichen auf verchromten Barhockern. Thees singt gegen die Widrigkeiten des Ortes an. Er hält die Leute mit ausschweifenden Zwischenansagen bei Laune, wirkt aber auch ungewohnt verkrampft und vergreift sich ein paarmal in der Tonlage. Vielleicht merkt er, dass ein Konzert unter diesen Umständen kaum mehr sein kann als geduldete Akustikuntermalung für ein Szene-Familientreffen. Schade, denn die abgespeckten Unplugged-Versionen tun den Tomte-Songs gut, mildern ihr Pathos und geben Thees’ leicht gepresstem Gesang mehr Raum. Fürs nächste Mal wünscht man dem überforderten Fastalleinunterhalter einen seriöseren Auftrittsort.

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ARCHITEKTUR

Am Wasser

gebaut

Hatte sich Berlin im Verlauf der städtebaulichen Entwicklung lange von seiner Wasserfront weggedreht, so pflegt die Stadt inzwischen eine ganz besondere Beziehung zu ihren Ufern. Da geht es ihr nicht anders als Genua . Dort schob sich der Hafen wie ein trennendes Band zwischen Altstadt und Mittelmeer. Doch seit rund 15 Jahren wird das Hafenareal auf Basis von Renzo Pianos Planung erfolgreich zum Stadtraum umgewandelt. Diese Öffnung zum Wasser bietet erhebliche städtebauliche Entwicklungspotenziale. Das geht auch in eine Untersuchung von Klaus Theo Brenner und Studenten der FH Potsdam ein, die die städtebaulichen Konzepte beider Städte verglichen haben: Beherrschen in Genua seit dem 16. Jahrhundert Solitärbauten das Straßenraster, so hat sich in Berlin im 19. Jahrhundert die Blockfront durchgesetzt. Auf der Basis dieser Typologien entwickelten die Potsdamer Konzepte für Straßenbilder mit Blockbauten und Solitären (Berlin–Genova, Jovis Verlag 2005, € 22). Ziel ist es, ein Instrumentarium zu gewinnen, das an unterschiedlichen Orten eingesetzt werden kann. So mäandert der Geist der „europäischen Stadt“ zwischen Italien und Deutschland. Welches Urteil die Genueser über die Potsdamer Entwürfe fällen, wird sich im nächsten Jahr erweisen: Dann sollen sie in Genua ausgestellt werden. Jürgen Tietz

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