Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KLASSIK

Mahlers

bunte Farben

In Gustav Mahlers Partituren gibt es Momente in freundlichem Gelb und Almwiesengrün. Woanders glüht, vielleicht mohnblumenrot, die tiefe, tiefe Ewigkeit. Und immer wieder bricht rabenschwarzer Humor sich Bahn. Ein Mahlersonntag in der Philharmonie : Zwei Orchester, zwei Dirigenten musizieren die Neunte und die Dritte, der Entstehung nach 22 Jahre voneinander entfernt. Ein Anfang mit dem Abschiedswerk – und kein gelungener: Geheimnislos spult das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin das Andante comodo der D-Dur-Sinfonie Nr. 9 ab. An die Introduktion der letzten vollendeten Sinfonie Gustav Mahlers geht Gastdirigent Marc Albrecht allzu dynamisch heran.

Er animiert zu flüssigem Spiel ausgerechnet da, wo Mahler mit einer Vielzahl an Vorhalten Staustufen eingebaut hat. Die aufgesetzte Lustigkeit im zweiten Satz wird besser getroffen, die Eckigkeit und Kantigkeit des dritten Satzes gerät hochexpressiv: Polyphonie und Kontrapunkt als barocker Scherbenhaufen – gemäß Mahlers kritischer Haltung zur beginnenden Bach-Renaissance. Mit phänomenaler Innenspannung lässt Albrecht im finalen Adagio das scheinbar ewig sich wiederholende Doppelschlagmotiv dahinkriechen.

„Ich bin der Welt abhanden gekommen“, intoniert der Rundfunkchor Berlin zu Anfang des zweiten Konzerts klangvoll. Mit der Dritten Sinfonie gelingt dem Deutschen Symphonie Orchester Berlin dann eine Glanzleistung. Eine Interpretation mit Rückgrat und Opulenz, die nie an Farbe verliert, wenn es laut wird. Ein von Einwürfen der gestopften Trompete durchstoßenes Giftgrün des ersten Satzes, die Frühlingsfarben des zweiten – oszillierende Klänge entlockt der englische Dirigent Mark Wigglesworth dem DSO mit so entspannter wie ansteckender Geste: Zum ironisch-volkstümlichen Scherzo sind wippende Köpfe im Publikum zu sehen.

In den Vokalparts hält der Chor das Niveau, während die Solistin keinen guten Abend hat: Mit wenig sinnlicher Farbe referiert Petra Lang Nietzsches Zarathustra-Zeilen „O Mensch! Gib acht!“ Auf unerhörte Weise „singt“ aber im Finalsatz das Orchester. „Was mir die Liebe erzählt“ notierte hier Gustav Mahler an den Partiturrand.

KUNST

Londons

armer Osten

Jede Zeit hat ihre Kunst. In den sechziger Jahren sollte sie mit dem Leben verschmelzen, in den Siebzigern ging sie auf die Straße. Und während aus manch revolutionärem Geist doch noch ein Malerfürst wurde, blieben andere ihren kritischen Idealen treu. Wie Loraine Leeson , deren Arbeiten zurzeit in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (Oranienstraße 25, bis 23. Dezember) unter dem Titel ihrer Organisation Art for Change zu sehen sind. Die erste Retrospektive der englischen Künstlerin, die Mitte der Siebziger als DAAD-Stipendiatin in Berlin lebte, schafft einen Überblick über ihre zentralen Projekte der letzten 30 Jahre: Plakate, mit denen sie das desolate englische Gesundheitssystem anprangerte oder das „Docklands-Community Poster Project“, das sie mit ihrem Partner Peter Dunn 1981 gründete, um sich gegen die von der Thatcher-Regierung geplante Erschließung von East London zu engagieren. Ein anderes Billboard entsteht 1992 mit jungen Migrantinnen. Zu sehen sind mit rotem Nagellack verzierte Hände, die ein traditionelles indisches Gewand mit einer Jeansjacke vernähen. Videos dokumentieren Interviews in Schulen, Zeitleisten visualisieren die teils mehrjährige Dauer von Projekten. Es gibt viel zu sehen. Katrin Wittneven

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