Kultur : KURZ & KRITISCH

Nadine Lange

POP

Große Dramen,

hohe Hacken

Zoff im Saloon: Ein Betrunkener belästigt Elsa, Rita und Mirna. Dann fällt ein Schuss. Billie the Willie hat dem Halunken die Bierflasche aus der Hand geballert. Die Frauen tanzen mit ihrem Retter. Die kleine Szene ist das Highlight des Sci-Fi-Westerns „Stadt des Lichts“, der sich ansonsten zäh durch die brandenburgische Winterlandschaft schleppt. Immerhin hat Regisseur Mario Mentrup echte Starpower engagiert: Die Musikerinnen Peaches (Billy) und Angie Reed (Elsa) sehen klasse aus mit Cowboyhüten. Und weil Reed nach der Film-Premiere noch ein Konzert gibt, ist die Volksbühne gut gefüllt. Ganz in Rot gekleidet stakst sie über die Bretter und erzählt minutenlang ihre Songtexte nach. Das ist nicht nur wegen des süßen Deutschs der Italo-Amerikanerin hörenswert, sondern auch, weil man den überbordenden Minidramen so besser folgen kann.

„Bend the Truth in the Confession Booth“ etwa handelt von einer lesbischen Nonne, die nach ihrer Exkommunizierung zur Avantgarde-Künstlerin wird. Einer der besten Songs auf Reeds neuem Elektroclash-Album „XYZ Frequency“ (Chicks On Speed Records) ist das luftig groovende „Longest Days in Summertime“. Geschrieben hat ihn Mario Mentrup, der dafür auf die Bühne kommt und Gitarre spielt. Zum familiären Charme des Abends trägt auch Eric D. Clark (Ex-Whirlpool Productions) bei. In Frack und Zylinder setzt er sich für seine Version von Reeds hitverdächtigem „Hustle a Hustler“ an den Flügel. Danach versuchen Cobra Killer und das Mandolinenorchester Kapajkos, das schlaffe Publikum aufzurütteln. Vergeblich. Doch Reeds hochhackiges Rotwein-Inferno war großes Kino.

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POP

Harte Brocken,

reine Seelen

Mürrische Maschinenmusik scheint keine gute Konjunktur zu haben: Die Kalkscheune ist nur zu einem Drittel gefüllt beim Jubiläumsauftritt der Young Gods . Das Trio aus Genf verschmilzt seit 20 Jahren martialische Beats, elektronisches Lärmgesplitter und spröde Melodien zu nervenzerrendem Industrial-Pop. Die langen Jahre im Musikgeschäft haben Furchen in die Gesichter der nicht mehr jungen Götter eingegraben, aber an Fitness mangelt es ihnen nicht. Sänger Franz Teichler schreit, winselt, röchelt und verrenkt seinen Körper artistisch. Trommler Bernard Trontin bearbeitet sein Set mit der Präzision eines Uhrwerks und der Brutalität eines Presslufthammers. Und am Synthesizer produziert Alain Monod mit stoischer Mimik erratische, ohrenbetäubende Klangbrocken. Eigentlich ist dies anachronistische 80er-Jahre-Musik, die sich mit dem Durchbruch von Techno überlebt hatte.

Aber dann ist es doch rührend anzusehen, wie dazu kräftige Kerle in dunklen Klamotten ausdauernd und ernsthaft ihre Körper in Tanzbewegungen versetzen. Die schiere Energie ist beeindruckend, aber zwischendurch ermüdet die Monotonie dieser gewalttätigen Musik. Erst bei den Zugaben laufen die Young Gods noch mal zu Höchstform auf. Mit dem sinister schimmernden Chanson „Charlotte“ und einer subtilen Version von Kurt Weills „September Song“ beweisen sie, dass Maschinenmusik viel Seele verströmen kann. Jörg Wunder

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