Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

KLASSIK

Schrecken,

schockgefroren

Weihnachtsstimmung erzeugt Marek Janowski im zweiten Konzert seines Hartmann-Mozart-Zyklus nicht, dazu sind die ausgewählten Stücke zu ernst. Und doch passt die Behutsamkeit, die das RSB Hartmanns erster Sinfonie und Mozarts c-moll-Klavierkonzert im Konzerthaus angedeihen lässt, bestens zur Jahreszeit. Hartmanns sinfonischer Erstling, 1935 begonnen, aber erst 1955 vollendet und uraufgeführt, schreit das Entsetzen des Komponisten über die ihm so verhasste Diktatur nicht heraus. Das Werk wirft eher einen distanzierten Blick auf Gewalt und Schrecken. Gleich zu Beginn lässt Janowski die harten Blechbläserattacken nicht zu sehr knallen, er bereitet nur den Boden für die Altistin Mihoko Fujimura, die Walt Whitmans Texte zunächst schockierend schlicht, dann anrührend expressiv intoniert.

Nach der Pause gestaltet Janowski Mozarts c-moll-Konzert ganz im Sinne der gedeckten Stimmung des Abends. Man kann das Stück dramatischer, aufgeladener und zugespitzter spielen, und Lars Vogt lässt am Klavier gelegentlich durchblicken, dass er dazu auch Lust hätte. Damit sorgt er aber nur für die Würze in einer im Ganzen äußerst geschlossenen Darbietung. In der Zugabe, einem langsamen Mozart-Satz, entzückt Vogt mit traumhaftem Anschlagsreichtum. So ist der Abend wieder ein Beweis für Janowskis einfühlsame Programmgestaltung: Die auf den ersten Blick willkürliche Zusammenstellung Hartmann-Mozart erweist sich bei ihm als höchst sinnvoll.

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ARCHITEKTUR

Aufbruch,

geschichtsgebremst

Es war die Sehnsucht nach der lang entbehrten Leichtigkeit, die die Architektur der Wunderkinder in den fünfziger Jahren in Schwingungen versetzte. Während viele Neubauten nach außen ein strenges Raster zeigten, dominierten im Inneren elegant geschwungene Treppenhäuser und filigrane Stützen. Doch wer meint, nach 1945 hätten die Signale in Deutschland nur auf Avantgarde gestanden, den belehrt die von Inez Florschütz besorgte Ausstellung über die Architektur Bayerns 1945 - 1960 im Architekturforum der TU Berlin eines Besseren (Ernst-Reuter-Platz, bis 11. Februar). Denn parallel zur modernen Nachkriegsarchitektur blühten gerade in Bayern konservative Ansätze. Vom Architekturmuseum der TU München übernommen, macht die sehenswerte Ausstellung anhand zahlreicher zeitgenössischer Fotos und Pläne die Spannbreite der Nachkriegszeit deutlich. Sie reicht von der wunderbaren, transparenten Münchner Maxburg von Theo Pabst und Sep Ruf mit ihrem kongenialen Treppenhaus bis zum konservativen Wiederaufbau Rothenburgs ob der Tauber, das noch zum Ende des Zweiten Weltkriegs stark zerstört wurde.

Leider ist Berlin nicht München, denn an der Spree fehlt es noch immer an einer vollständigen Bestandsaufnahme der Bauten der Nachkriegsarchitektur. Dabei wäre Eile geboten. Die drohenden Umbauten an Paul Schwebes’ Bikini-Haus am Breitscheidplatz oder die aktuelle Umwandlung des Berlin-Pavillons von Fehling und Gogel zur Imbissbude machen deutlich, dass der hiesigen Nachkriegsmoderne der Wind wieder einmal kräftig ins Gesicht bläst. Jürgen Tietz

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