Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Kniefall vor

dem Meister

Auf dem Podium sitzt ein Riesenorchester, dessen Instrumentarium Vulkanisches erwarten lässt. Auf dem Programm steht die Jupitersinfonie von Mozart. Man zählt die Pulte, die vielen Kontrabässe und wundert sich. Dann tritt Zubin Mehta vor das Publikum in der brechend vollen Philharmonie und spricht vom Mozartjahr, von Berlin und heute, und wie er jüngst erfahren habe, dass die Jupitersinfonie kein Einleitungsstück sein dürfe. So werde der Abend mit der „unglaublichen“ Jupitersinfonie beendet.

Der Austausch wäre keine Sensation und Mozarts letzte Sinfonie als Schlussstück schon gar nicht, hätte man es etwa mit einem Programm reiner Wiener Klassik zu tun. Da aber der „Sacre du printemps“ als Finale vorgesehen war, Strawinskys berühmtestes und wildestes Werk, mit dem sich Gipfel der Taktstockvirtuosität erklimmen lassen, wirkt Mehtas Ankündigung rührend wie ein Kniefall vor dem Salzburger Meister.

Das Konzert mit den Wiener Philhar mo nikern gibt dem Maestro recht. Zumal er in den stampfenden Rhythmen des „Sacre“ zwar die farbige Harmonik zelebiert, dem Ganzen aber eher ein Flair von vornehm-konzertanter Wildheit als von Radikalität verleiht. Zwei Solisten aus dem Orchester stehen mit Mozarts KV 299 für die integrierende Wiener Klangkultur ein: der Flötist Dieter Flury und die Harfenistin Charlotte Balzereit.

Die Jupitersinfonie indes entfaltet ihre Herrlichkeit, das große Finale mit den abwärts rollenden Achteln und der dramaturgischen Fugato-Synthese, weil die Interpretation von Liebe diktiert wird. Es ist keine innovative Lesart der Partitur, aber ein Triumph des „Unglaublichen“.

POP

Nichts Neues

aus Mittelerde

Sollte es jemanden gegeben haben, der die Texte der Fantastischen Vier noch nicht auswendig kann, der hörte sie im Berliner Huxley’s Neue Welt nicht nur von der Bühne, wo die vier Schwaben eines ihrer kleineren Klubkonzerte gaben, sondern von allen Seiten. Die Fans johlen die Hits Zeile für Zeile mit. 1800 von ihnen stehen dicht gedrängt in der Halle und als die Stuttgarter Rapper mit „Populär“ ihre Show starten, hilft nur noch auf- und abzuspringen, möchte man mehr Platz haben. Die Fantastischen Vier haben im November ein Album ihrer größten Hits veröffentlicht, „The Best Of 1990 – 2005“. 15 Jahre deutscher Hip-Hop, es gibt wohl keine deutsche Rapcrew, die schon so lange dabei ist. Als HipHop Anfang der Neunzigerjahre in Deutschland nur von einer kleinen Szene produziert wurde, sich im Untergrund abspielte, feierten die vier Stuttgarter mit „Die da" schon Charterfolge. Sie sind auch heute unverändert beliebt.

Also kommen sie, all die Radio- und Chart-Stürmer wie „Sie ist weg“, „Picknicker“ oder „Ein Tag am Meer“, die sich heute anhören, als würden sie von alten Zeiten schwärmen. Neues vom kreativen Schaffen der Fantastischen Vier gibt es nicht zu hören. Stattdessen ulkige Versionen der alten Sachen. Die Musiker, die sich selbst nicht allzu ernst nehmen und in moderat tief hängenden Baggy-Pants, XXL-T-Shirts herumhampeln, haben zur Belustigung des Publikums einige ihrer bekannten Texte in Tina-Turner- und Beyoncé-Melodien verpackt. Ihre Neigung zum Albernen ist so legendär wie berüchtigt. Smudo und Thomas D., nach all den Jahren immernoch ein Odd-Couple, zelebrieren einen Revivalabend für die Getreuen. Erik Zimmermann

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