Kultur : KURZ & KRITISCH

Uwe Friedrich

KLASSIK

Gediegen ,

aber schön

Die Staatskapelle unter Pinchas Zukerman auf Zeitreise. Mit saftigem Ton und schimmerndem Klang erinnern sie bereits in Telemanns Bratschenkonzert an längst vergangene Tage, in denen der Weihnachtszauber des Barock vor allem durch getragenes Tempo und gediegene Phrasierungen erzeugt wurde. Das hat durchaus nostalgischen Reiz, zumal wenn so unerhört schön gespielt wird wie an diesem Abend in der Philharmonie . Ohnehin wird die Bratsche als Soloinstrument im Konzertalltag sträflich vernachlässigt. Spätestens bei Mozarts fünftem Violinkonzert wird klar, weshalb das so ist: Die Geige bleibt eben das einschmeichelndere, gestaltungsfreudigere Instrument. Wie die Klavierkonzerte schrieb Mozart auch die Violinkonzerte für sich selbst. Von einer Kommunikation zwischen Solist und Orchester kann allerdings kaum die Rede sein, so dass Zukerman sich ganz auf die Ausarbeitung seiner faszinierenden Kantilenen konzentrieren kann, von der Staatskapelle perfekt begleitet. Auch Richard Strauss unternahm in der Suite aus „Der Bürger als Edelmann“ eine Art Zeitreise. Auf dem Weg ins barocke Frankreich blieb er freilich in Oberbayern hängen. Eine wunderbare Gelegenheit für die Solisten der Kapelle, in kleinen Kabinettstücken ihr immenses Können aufblitzen zu lassen.

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KUNST

Politisch,

aber friedlich

Zwei Pariser Damen balancieren ihre Riesenhüte auf dem Kopf. Die Karikatur erschien 1902 in einer Illustrierten, ihr Zeichner signierte noch mit „Ruiz“ und war weitgehend unbekannt. Was sich wenig später ändern sollte. Picasso – der Gebrauchsgrafiker ist in der Kunstbibliothek kennen zu lernen, mit Zeitungs- oder Buchillustrationen, Plakaten, Programmheften und vielem mehr (Kulturforum, bis 29. Januar Katalog 50 €). In der einzigartigen Sammlung des Schweizers Bruno Margadant sind die Metamorphosen einer Linie zu erleben, die sich häufig zu Stieren, Ziegen und Eulen kräuselt – oder auch zur berühmten Friedenstaube in diversen Variationen. Als grotesker, zum haarigen Geschlechtsteil mutierter Popanz torkelt ein faschistischer Diktator umher: „Traum und Lüge Francos“ (1937) steht für den Beginn von Picassos politischem Engagement. Die himmelwärts gereckten Gesichter der Opfer nehmen das Meisterwerk „Guernica“ vorweg. Bis in die späten Sechziger tauchten Picasso-Motive immer wieder in linken Zeitungen wie „Le Patriote“ oder „Libération“ auf; für das kommunistische Blatt „L’Humanité Dimanche“ strichelte er einen rotnasigen Weihnachtsmann. Ist das eine Rute in seiner Hand? Nein, ein Myrtenzweig, das Attribut der weißen Taube (parallel ist im Atrium der Berliner Bank, Hardenbergstr. 23, bis 30. 12. die Ausstellung „Pablo Picasso – Grafische Meisterwerke“ zu sehen). Jens Hinrichsen

ARCHITEKTUR

Klein,

aber fein

In Berlin hält sich die Liebe zur Nachkriegsmoderne derzeit in engen Grenzen. Dabei könnten Qualitäten und Potenziale dieser Bauten durch geringe Eingriffe freigelegt werden, um sie so für veränderte Nutzungsanforderungen fit zu machen. Das beweist der zweite Teil des Ausstellungszyklus „Weiterbauen“ in der BDA-Galerie (Mommsenstraße 64, bis 12. Januar). Dass es oft die klugen kleinen Ergänzungen sind, mit denen Architektur weitergedacht werden kann, zeigt Jörg Joppien mit der neuen Eingangslösung und dem Beleuchtungskonzept für die Schöneberger Paul-Gerhardt-Kirche. Deren Architekten Hermann Fehling und Daniel Gogel sind es wert, endlich wiederentdeckt zu werden. Doch viele Bauten aus den Jahren 1950–70 sind heute nicht nur gründlich aus der Mode gekommen, sie zeigen auch die Spuren jahrelanger Vernachlässigung. Damit droht ein Verlust an Bausubstanz und -kultur. Dass es auch anders geht, zeigt das „Haus Hardenberg“. Winkens Architekten haben dieses luftig-elegante Baudenkmal der Fünfzigerjahre mit behutsamen Eingriffen für eine neue Nutzung hergerichtet. Eine ähnlich sensible Hand würde man sich auch bei anderen Bauten von Paul Schwebes wünschen, etwa bei dem gemeinsam mit Hans Schoszberger errichteten Zentrum am Zoo. Jürgen Tietz

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PUNK

Akustisch,

aber lustig

Unplugged-Konzerte bergen geliebt-gefürchtete Enthüllungsmomente. Deshalb haben die Toten Hosen lange davor zurückgeschreckt. „Was sollte danach noch kommen?“, gestand Campino die Furcht, sich selbst mit einer Einspielung zu übertreffen , die alles Bisherige – den Lärm, die Exzesse, das Glück des Drauflosrockens – konterkarieren könnte. So beginnt das Quintett, das sich für den Auftritt im Wiener Burgtheater nur um eine Pianistin und einen Cellisten verstärkte, auch ganz punkisch mit dem Ramones- Klassiker „Blitzkrieg Bop“. Trotzdem: „Nur zu Besuch“ (Warner), der Mitschnitt dieses Konzerts, hört sich anfangs verdächtig nach Hausmusik an. Unbeholfen schrubben die Gitarristen auf ihren Holzinstrumenten, und Campino röhrt sich nach Kräften durch die Toten-Hosen-Hits („Opel-Gang“, „Hier kommt Alex“), schiebt „The Guns of Brixton“ von The Clash dazwischen und endet schließlich bei einer überraschend charmanten Jazz-Version von „Eisgekühlter Bommerlunder“. Die Band, die sich nun für eine unbefristete Pause zurückgezogen hat, entwickelt auch auf Wanderklampfen enorme Power. Besonders ein verschatteter Song wie „Böser Wolf“, in dem es um Kindesmissbrauch geht, legt die dramatische Seite von Campino & Co frei. Mehr als eine solche Gratwanderung zwischen ironischer Selbstdemontage und ernsthafter Retrospektive kann man kaum erwarten. Kai Müller

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