Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Zajonz

KUNST

Nervöse Gestalten

auf nachtschwarzem Grund

Er war einer der zornigen jungen Männer der Malerei, die mit dem Alter vergessen werden. Jahrzehntelang hat sich seine Witwe später darum bemüht, dem in alle Winde zerstreuten Werk Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: Die Rede ist von Wilhelm Kohlhoff. Der gelernte Porzellanmaler, der 1914 auf der Großen Berliner Kunstausstellung debütiert, gehört nach 1918 zu den gefragtesten Künstlern der Berliner Secession. 1937 wird seine teils expressive, teils realistische Malerei für entartet erklärt, 1943 geht das Berliner Atelier in Flammen auf. Mit den Bildern verbrennt die Erinnerung an ein halbes Lebenswerk, dem Kohlhoff nach 1945 nichts Gleichwertiges hinzufügen kann. Kohlhoffs zweite Frau Moy trägt nach seinem Tod 1971 alles von ihm zusammen, was sie kriegen kann, darunter etliche frühe Arbeiten.

Mit Unterstützung der Verdener Galerie Sabatier konnte nun eine Auswahl von rund 100 Gemälden und Papierarbeiten der 1910er und 20er Jahre zusammengestellt werden, die im Berliner Ephraim-Palais ihre Ausstellungstournee beginnt (bis 26. Februar, Katalog 19 €). In den besten, um 1920 entstandenen Bildern setzt Kohlhoff seinen Vorbildern Lovis Corinth und Oskar Kokoschka Gleichberechtigtes entgegen: enigmatische Weltlandschaften, sezierende Porträts, ernüchternde Akte. Frauen (auch die eigene) sieht Wilhelm Kohlhoff meist so, wie es der Zeitgeist will: als Heilige, Mutter oder Hure. Trotz solcher Klischees packt einen noch immer die Art, wie dieser Vollblutmaler mit Farbe umging: nervöse Gestalten auf nachtschwarzem Grund – ein Flackern, Irrlichtern und Rauschen. Als ob die Welt aus ihren Angeln bricht.

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LITERATUR

Das Geheimnis

der Janitscharen

Die Janitscharen waren ein Eliteheer der osmanischen Sultane, denen das in der Geschichte seltene Kunststück gelang, sich von einer Sklavenarmee zur privilegierten Priesterkaste hochzuarbeiten. Ihre Anführer, die Dei, waren bis ins 19. Jahrhundert hinein die eigentlichen Machthaber im Osmanischen Reich. Stanislav Komarek widmet der Geschichte der Janitscharen in seinem Roman ein eigenes Kapitel, das so beginnt: „Wen dies nicht interessiert, kann das ganze Kapitel 10 ohne Schaden überspringen.“

Das ist dreist gelogen, denn die Janitscharen spielen die stille Hauptrolle in „Kaplans Traum“ (aus dem Tschechischen von Sophia Marzolff. Rowohlt, Berlin. 221 Seiten, 18,90 €). Der junge Turkologe Viktor Kaplan verlässt das Prag der frühen achtziger Jahre frustriert, weil es dort für einen Türkei-Forscher nicht all zu viel zu tun gibt. Er erhält Asyl in Wien, aber keine Arbeit – auch die österreichische Ministerialbürokratie hat nicht auf einen böhmischen Turkologen gewartet. Erst als er sich den Janitscharen zuwendet, lernt er einflussreiche Leute kennen, erhält ein hoch dotiertes Stipendium und siedelt nach Istanbul über. Sein Traum scheint wahr zu werden. Nur am Rand nimmt er wahr, dass ein Wegbegleiter nach dem anderen die irdischen Sphären verlässt.

Mit fortschreitender Forschung verfestigt sich bei ihm allmählich die Annahme, dass die Janitscharen gar nicht, wie offiziell überliefert, 1826 aufgelöst wurden, sondern noch existieren – als abstruser Orden in den USA, angeführt von dem Mann, der sein Stipendium finanziert. Es kommt zum finalen Besuch in New York ...

Der tschechische Schriftsteller erzählt im Plauderton eines Wiener Kaffeehaus-Literaten, und nach 221 kurzweiligen Seiten wundert sich der Leser, wie viel er nebenbei gelernt hat: über Mystik, orientalische Geschichte und das Österreich der Gegenwart. Komarek hat den Traum seines Helden selbst geträumt, zwischen 1983 und 1990 lebte er im Wiener Exil. Auch eine Person dieses Namens taucht im Roman auf, in einer Nebenrolle. Das spricht für eine Mischung aus Wehmut und Erleichterung des Autors darüber, dass er selbst Kaplans Traum nicht bis zu Ende geträumt hat. Sven Goldmann

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