Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

KLASSIK

Wir sind

die Guten

Ohne Jochen Kowalski geht zum Jahreswechsel einfach nichts an der Komischen Oper . Der altgediente Countertenor ist gewissermaßen das Tischfeuerwerk der musikalischen Silvesterfeten in der Behrenstraße. Wie gut, dass Kowalski ein Fan russischer Filmmusik ist – denn Kirill Petrenko , der im sibirischen Omsk geborene Chefdirigent des Hauses, stellte diesmal die Soundtracks jener Sowjet-Kinoklassiker in den Mittelpunkt des Neujahrsprogramms, die das Fernsehen in seiner Jugend stets Ende Dezember zeigte. Eine ideale Programmauswahl, die alles Abgenudelte umgeht und doch die Publikumsbedürfnisse nach Stimmung und Sentiment bedient (wieder am 1. Januar, 16 und 20 Uhr).

Schmissig starteten Petrenko und sein munter zur Planübererfüllung aufgelegtes Orchester mit Dunajewskis „Die Kinder des Kapitän Grant“, wechselten dann effektvoll zwischen allerlei Romanzen von Schostakowitsch („Die Bremse“), Swiridow („Der Schneesturm“) und Petrow („Bittere Romanze“) einerseits und Propaganda-Prachtstücken („Marsch der Enthusiasten“, hochmotiviert gesungen von Eteri Gvazava) sowie Komödien-Knallern (Piloten-Song aus „Die Himmelsbummler“) andererseits, um schließlich mit Waxmans „Taras Bulba“ sogar noch einen amerikanischen Kosakenzipfel zu erwischen. „Was“, wollte Moderator Malte Krasting von Kirill Petrenko wissen, „unterschied eigentlich das Kino in den USA von dem der Sowjetunion?“ „Nun ja“, antwortete der Chefdirigent schlagfertig: „Bei uns waren wir immer die Guten.“

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KLASSIK

Ihr seid

die Größten

Nun kann das Mozartjahr beginnen. Oder auch ausfallen, warum nicht. Denn was die Philharmoniker zwischen den Jahren bieten, reicht vollkommen, um dem Genie Mozart zu huldigen – da können wir uns das ganze absehbare Geklapper der nächsten zwölf Monate eigentlich locker vom Ohr absparen. Schon die Ouvertüre zum Figaro gerät Sir S imon Rattle in ihrer farbenprächtigen Geschwätzigkeit wunderbar: ganz fabelhaft, wie er mit seinen Musikern kokettiert, ihnen allen Freiraum lässt, dann – wie vom Blitz getroffen – das Geschehen selber in die Hand nimmt. Keine Frage, Rattles Art, mit dem Orchester zu flirten, passt ausgezeichnet zu Mozart.

Faszinierend dann die Dynamik, mit der der Dirigent die gedehnten Streicherseufzer im ersten Satz von Mozarts Es-Dur-Klavierkonzert zum Klingen bringt. Der Zuhörer fühlt sich wie angesogen, als wenn der Teppich unter den Füßen wegrutscht.

Beeindruckt von solcherlei Schwerkrafterlebnissen, staunt man dann über den so zarten und traurigen langsamen Mittelsatz. Emanuel Ax erweist sich am Klavier als wacher und sensibler Kontrahent des Orchesters, kann aber in Sachen Dynamik und Farbreichtum nicht immer überzeugen. Vor zwei Wochen hat man beim Mozart-Spiel von Lars Vogt Faszinierenderes gehört. Nach einer glänzenden „Prager“ Sinfonie, bei der viele Einsätze nur so knistern, räumt Rattle zum Schluss mit Hilfe eines formidablen, aus den Seitenaufgängen auf die Bühne strömenden Sänger-Septetts noch einmal richtig ab. Das Finale des Figaro entfaltet sich halb szenisch in all seinen Intrigen, Missverständnissen und Liebeswirren. Nun holen wir alle tief Luft für das Mozart-Jahr. Wie tröstlich: Es hat auch nur 365 Tage. Ulrich Pollmann

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ARCHITEKTUR

Er ist

der Feine

Während in Deutschland die Baukultur noch um Anerkennung ringt, besitzt sie in Finnland längst Verfassungsrang. Mit dem Ergebnis, dass finnische Architektur europaweit einen vorzüglichen Ruf genießt. Warum das so ist, lässt sich an ausgewählten Arbeiten von Juha Leiviskä überprüfen, dem das Finnland-Institut eine kleine Werkschau mit großformatigen Fotos und Modellen widmet (Georgenstraße 24, bis 20. Januar). So vielschichtig Leiviskäs Bauten sind, so anspruchsvoll ist auch sein architektonisches Credo: „Anstelle von Sensationen müssen wir uns auf hohe ästhetische Qualität besinnen und uns auf die Schaffung von attraktiven Raumkreationen für alle konzentrieren.“

Das gilt für sämtliche Bauaufgaben, denen sich Leiviskä widmet – vom Wohnhaus bis zur Kirche. Bereits sein erstes großes Projekt aus den sechziger Jahren, das Rathaus von Kouvola, zeigt die Handschrift seiner späteren Arbeiten. Sie ist durch die konsequente Gliederung in einzelne Bauteile gekennzeichnet, so dass spannungsvolle Raumlandschaften entstehen, die eng mit der Umgebung verknüpft werden. So auch bei der Deutschen Botschaft in Helsinki (1986/93) und bei seinen Kirchen in Kuopio (1986/92) oder Helsinki (1997/2002). Durch die Staffelung von Wandscheiben entstehen plastisch durchgebildete Räume mit einem faszinierenden Spiel von Licht und Schatten. Jürgen Tietz

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