Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Der Himmel

auf Erden

Neujahrskonzerte! Am Vormittag in Wien: Blumenberge wie bei einem Kaiserbegräbnis und Walzer ohne Ende: „A bisserl Lieb und a bisserl Treu und a bisserl Falschheit ist allweil dabei.“ Eine Melange aus Schmiss und Schmäh. Am Abend in Berlin: Drei konzentrierte Stunden Händel und keine Ruhekissen für morbide Herzen. Hier geht es um eine Vision von gerechter Herrschaft, den Himmel auf Erden. Der Rias-Kammerchor hat sich Händels Oratorium „Solomon“ vorgenommen. Prachtvoll entfaltet es in der Philharmonie ein königliches Idealporträt, inspiriert vom alttestamentarischen Monarchen: das Staatsoberhaupt als großer Liebender, gerechter Richter, menschliches Vorbild – und inspirierender Künstler. Die Mezzosopranistin Sarah Connolly verkörpert den sagenhaften Salomon mit zarter Noblesse, menschenfreundlicher Autorität und innerem Leuchten. Beglückend auch Carolyn Sampson als um ihr Kind bangende Mutter und strahlende Königin von Sheba. Rias-Kammerchor-Chefdirigent Daniel Reuss lässt seinen Sängern und der Akademie für Alte Musik souverän Luft zu weitem Atem. Sie danken es ihm mit flinker Fuge und funkelndem finalen Doppelchor. „Thy harmony’s divine, great king!“: Politik und Kunst verbinden sich jubilierend in einem Entwurf von integerem Führungspersonal – fürwahr die Vision eines goldenen Zeitalters. Darauf könnte man jetzt auch einen Walzer vertragen.

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KUNST

Der Lauf

der Dinge

Kinostimmung kommt auf angesichts der großen Leinwände in den abgedunkelten Räumen der Akademie der Künste . Gezeigt werden vier Film- und Videoarbeiten des litauischen Künstlers Deimantas Narkevicius (bis 15. 1., Pariser Platz 4, Di-So 11-20 Uhr). Keiner dauert länger als 17 Minuten. Von Raum zu Raum verdichten sich die Bilder von gescheiterten Utopien, Gesellschaftsumbrüchen, dem Tod. Seit der Selbstständigkeit Litauens 1991 setzt sich der DAAD-Stipendiat Narkevicius, geboren 1964, mit den Schnittstellen politischer und persönlicher Ereignisse auseinander. Bei „Energy Lithuania“ (2000) untermalen melancholische Mozart-Melodien die tristen Super-8-Aufnahmen einer Industriebrache. Es sind die Überreste eines in den 60ern erbauten Kraftwerks, heute ein Monument eines untergegangenen Systems. „Disapperance of a Tribe“ (2004) erzählt als filmische Montage von Schwarzweiß-Fotografien die Lebensgeschichte von Narkevicius verstorbenem Vater. Das ist der Lauf der Dinge – sie vergehen. Bei „Once in the XX Century“ (2004) dreht Narkevicius diesen Lauf einfach um und spielt mit der trügerischen Grenze zwischen Realität und Fiktion im Film. Den Sturz einer Lenin-Statue in Vilnius 1991 lässt er rückwärts laufen. Jetzt winken lachende Menschen einem mit ausgestrecktem Arm grüßenden Lenin, der gerade aufgerichtet wird. Annika Hennebach

KUNST

Die Beinchen

der Gottesanbeterin

Fremder Ferner Osten: In China wurden Bilder nicht gerahmt aufgehängt, sondern sie waren auf Fächer, auf Seiden- oder Papierrollen gemalt, bis ins 20. Jahrhundert hinein. Nur zum Betrachten holte man sie hervor, wie nun im Museum für Ostasiatische Kunst . Entrollt und aufgefächert werden die Schwermutsgesten des Tuschemalers Zhao Shao’ang , zu Ehren seines 100. Geburtstags (Lansstr. 8, bis 5. 3.). Zhao (1905–1998) gilt als letzter bedeutender Meister der Lingnan-Schule, die bereits abendländische Einflüsse aufnahm. Aus der Lingnan-Frühzeit stammt ein abgeblühter „Lotos“ (1934), der nur noch aus Samenkapsel und windgebeugtem, welkem Blatt besteht. Matte Farben, brüchige Flächen: Was ist aus dem buddhistischen Symbol der Reinheit geworden? In Zhaos Spätwerk steigert sich die morbide Romantik zur Expressivität. Der winzige „Sperling auf einer Weide“ (1975) verschwindet fast im Geäst. Bereits im Fächerbild einer „Taropflanze“ (1936) kontrastieren fein gepinseltes Getier und flüchtig hingegossene Pflanzenwelt. Der Gottesanbeterin, ihren haarigen Beinchen, dem transparenten Flügelkleid widmet sich Zhao mit der Hingabe eines Feinmechanikers. Das blasse Pflanzengrün ist dagegen knappe Kalligrafie, gemalter Vanitasgedanke. Jens Hinrichsen

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