Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Garantiert

schwindelfrei

Schon scheint sich Kent Nagano in der Philharmonie auf sein neues Amt einzustimmen: Mit der „Alpensinfonie“ hat sich der künftige Chefdirigent der Bayerischen Staatsoper nun gleich den dicksten Brocken unter den sinfonischen Dichtungen von Richard Strauss vorgeknöpft. Dass Nagano seine Gipfelpartie nicht à la Thielemann mit Krachlederner und Wurststullen im Gepäck absolvieren würde, war zu erwarten. Die Brüche und Klüfte aber, die er bei Bruckner und Mahler zu Tage fördert, zeigen sich bei Strauss nicht. Das zügige Tempo, mit dem das Deutsche Symphonie-Orchester die Bergwelt durchmisst, rückt zwar die großbogige Gesamtanlage des Stücks in den Vordergrund, gibt darüber jedoch die impertinente Anschaulichkeit der Strausschen Tonmalerei preis. Eine Bergfahrt im Sessellift – von schweißperlenfreier Eleganz, aber auch ohne metaphysischen Erkenntnisgewinn. Dabei hatte die kluge Konfrontation mit Charles Ives’ „Central Park in the Dark“ eigentlich auf eine Entlarvung des manischen Gekraxels als Flucht vor der Moderne hoffen lassen – wie es zuletzt Guiseppe Sinopoli offen gelegt hatte. Zwischen Strauss und Ives seltsam fremd: Sibelius’ Violinkonzert, von Midori mit introvertiertem Ernst und berückenden Piano-Tönen aller romantischen Attitüde entkleidet. Und Nagano wird in München genug Gelegenheit haben, die Alpen zu erkunden. Zu Fuß.

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KLASSIK

Garantiert

tränenfrei

Gerhard Schröder war da, Otto Schily war auch da – ganz Berlin strömte am Dienstagabend ins Konzerthaus, um die Academy of St Martin-in-the-Fields unter Sir Neville Marriner mit einem reinen Mozartprogramm zu hören. Die „Linzer Symphonie“ KV 425 wurde mit gewohnter Spritzigkeit gespielt, pointiert und funkelnd, dabei beispielhaft konstant in den Tempi. Hier und da hätte sich der Hörer eine kontrastreichere Dynamik gewünscht; indessen bestachen rhythmische Stringenz und prägnante Akzentuierung. Das Requiem in d-moll wiederum wurde zwar stilgerecht, aber zu konventionell aufgeführt. Die furchtbare Verlassenheit dieser Musik kam bei der allzu schneidigen Themenführung des Dirigenten kaum zum Ausdruck. Zu oft wurden die katastrophalen Abgründe dieser Totenmesse durch britische Eleganz überdeckt. Das „Lacrimosa“ etwa, die vielleicht traurigste Musik, die jemals geschrieben wurde, litt unter der Zaghaftigkeit, mit der Streicher und Chor die seufzenden Klangbögen angingen, und wirkte eher wie ein sachlicher Vortrag als wie ein Klagelied. Von den Solisten war Daniel Borowski mit seinem Bass ebenso überfordert wie die Altistin Elisabeth Jansson. Sophie Karthäusers Sopran konnte sich bei angenehmer Nuancierung nicht recht durchsetzen. Einzig der Tenor Lothar Odinius überzeugte durch zwar theatralisches, aber sensibles Pathos. Sonst wirkte die Musik eher schmeichelnd als ergreifend – ein durchwachsener Abend. Konstantin J. Sakkas

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