Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Echo

des Weltuntergangs

Den Musikern des Berliner Sinfonie-Orchesters dürfte vor der Begegnung mit Lothar Zagrosek etwas mulmig zumute gewesen sein: nicht nur, weil der Stuttgarter Generalmusikdirektor ab nächster Saison ihr neuer Chefdirigent ist, sondern auch, weil der letzte gemeinsame Auftritt mit Zagrosek acht Jahre zurückliegt. Wer kann nach so langer Zeit schon abschätzen, ob sich ein Dirigent und ein fast komplett erneuertes Orchester überhaupt noch verstehen? Oder ob sich die Berufung Zagroseks, ähnlich wie diejenige des glücklosen Michael Schönwandt bald nach der Wende, nicht als existenzieller Fehlschlag erweisen würde?

Die Musiker können beruhigt sein: Das Publikum im Konzerthaus applaudierte frenetisch; und auch der künstlerische Ertrag stimmte. Zagroseks klarsichtiger, aber keineswegs unterkühlter Stil findet Resonanz: Man spürt geradezu ein Aufatmen im Orchester, dass nach dem Pultautokraten Eliahu Inbal hier künftig ein entspannterer Geist herrschen wird. Zwar hatte Inbal das etwas ramponierte und durch starke Personalfluktuation verunsicherte Orchester in den vergangenen Jahren in Facon gebracht, erhellende künstlerische Akzente konnte der ehemals gefeierte Mahler- und Bruckner-Interpret jedoch kaum mehr setzen. Das scheint jetzt anders zu werden: Auf Anhieb findet das BSO unter Zagrosek zu jenem gemeinsamen Atem, der jedes sinfonische Werk tragen muss, wird eben nicht nur präzise gespielt, sondern Musik gemacht.

Die Uraufführung des Stücks „Herbst Wanderer“ des Japaners Toshio Hosogawa ist in diesem Zusammenhang freilich mehr als Atemübung zu verstehen: Das knapp halbstündige Opus für Klavier, Saxofon, Schlagzeug und Streicher (mit dem Trio Accanto) garniert seine organische Entwicklungskurve zwar mit allerhand Klangreizen von auratischen Streichernebeln bis zu fernöstlichen Gebetsglöcklein, bietet darüber hinaus jedoch wenig Erkenntniswert.

Zentraler Verständigungspunkt zwischen Dirigent und Orchester bleibt das große klassisch-romantische Repertoire. Mahlers „Lied von der Erde“ stellt insofern eine gute Wahl für die Kontaktaufnahme dar, als das Stück den Musikern neben der geballten Strahlkraft des Tuttiklangs auch kammermusikalische Finesse abfordert. Und tatsächlich macht Zagrosek Kammermusik im orchestralen Rahmen, betont bei flüssigen Tempi den Liedcharakter der Nummern, setzt auf Natürlichkeit, statt jede fallende Notensequenz gleich zum Abschiedsseufzer zu zerdehnen. Das kommt nicht nur den beiden fabelhaften Solisten Petra Lang und Jonas Kaufmann entgegen, sondern sorgt auch für Balance zwischen der artifiziell entrückten Chinoiserie des Stücks und der spätromantischen Klanggewalt, die hier nur untergründig, wie das grollende Echo eines Weltuntergangs, spürbar bleibt. Und so freut sich nicht nur das BSO auf seinen neuen Chef (noch einmal heute, 20 Uhr).

KLASSIK

Weg

für Weltflüchtige

Ein Kreuz massiver Bauart muss schultern, wer das Publikum der Berliner Philharmoniker für Neue Musik begeistern will. Simon Rattle probiert es unerschrocken immer wieder. Seiner Willenskraft gelingt es, Hanspeter Kyburz’ „Noesis für großes Orchester“ in das gleiche gleißende Tagtraum-Licht zu tauchen wie darauf die vierte Symphonie Gustav Mahlers. Rattle inszeniert in der Philharmonie einen Abend der Verunsicherung, der Weltflüchtern den Weg aus der Wärmestube weist. Dass bei „Noesis“ in akustischen Weißblenden immer wieder jede Orientierung gelöscht wird, ist da noch vergleichsweise harmlos. Doch Mahlers Vierte, die ja ohne Hast und sehr behaglich himmlischen Freuden entgegen treiben soll, entwickelt unter den furios spielenden Philharmonikern ein abgründiges Eigenleben. Das Firmament mag hoch und blau sein, an ihm ziehen Wolken wie im Zeitraffer vorüber, doch in den Schatten explodieren die Farben. Ein Mahler-Panorama tut sich auf, das sich vom flirrenden Naturlaut der ersten Symphonie über die panischen Schrecken der dritten bis zum Abschied der neunten spannt. So hoch zieht Rattles philharmonischer Heißluftballon seine Bahn. Das Jenseits kann warten, zumal Magdalena Kozena so gar nicht naiv vom „himmlischen Leben“ singt: Sie lädt zu einem Fest zwischen hingeschlachteten Opferlämmern und Jungfrauen. Ein Frösteln im Sonnenschein. Und die Angst davor, dass Träume wahr werden könnten (noch einmal heute, 20 Uhr). Ulrich Amling

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ARCHITEKTUR

Sand

aus aller Welt

Stig Andersson ist ein Landschaftssammler. Zwischen Einmachgläsern mit Sand aus aller Welt stapeln sich in seinen Regalen Archivkisten, in die sich Neugierige vertiefen dürfen. Mal rau, mal behauen, vermitteln Gesteinsproben einen sinnlichen Materialeindruck. Der erfolgreiche dänische Landschaftsarchitekt hat einen Teil seines Kopenhagener Büros „SLA“ in die Berliner Ausstellung Wunderstadt in der Galerie Aedes West verfrachtet (bis 2. Februar, Katalog 10 €). So macht er den Besuchern „begreifbar“, worauf es in seinen organisch wirkenden Arbeiten ankommt: mit einer Vielfalt künstlicher und natürlicher Materialien die sinnliche Wahrnehmung anzusprechen. Ein spielerischer Ansatz, der sich auch in seiner Gestaltung des Stadtzentrums von Frederiksberg zeigt. Unterschiedliche Laubfärbungen verbinden sich mit Wasserspielen zu einem Raumeindruck, der um die abendliche Lichtinszenierung ergänzt wird. Ähnlich sinnlich ist der poetische Gräser-Garten in Charlottehaven. In sanft geschwungene Felder gegliedert, entstehen intime Gartenräume mit hoher Aufenthaltsqualität. Farbe und unterschiedliche Wuchshöhe der Gräser sorgen ebenso wie der Wind und die Jahreszeiten für einen steten Wandel. Jürgen Tietz

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