Kultur : KURZ & KRITISCH

Sandra Luzina

THEATER

Blick durchs

Schlüsselloch

Die unbedingt rein wollen ins Freudenhaus Hase , sind in dieser klirrend kalten Nacht überwiegend Frauen. Der Samstagabend gehört nicht zu den Stoßzeiten in diesem Bordell – deshalb kann jetzt der Extra-Service „Theater im Puff“ gebucht werden. Die junge Regisseurin Annette Kuss hat auf der Basis von Interviews mit Prostituierten ihr Theaterprojekt Freudendienste ersonnen (wieder 21./29.1., 4./5., 11./12., 18./19., 25./26.2., jeweils 21 Uhr) Sie wählt die Perspektive von unten: es ist eine neue, wenn man so will feministisch korrekte Variante der Hurengespräche, die heute nichts Skandalöses mehr hat. Kuss begab sich mitten in eine Verkehrszone in tiefstem Wedding: ins Freudenhaus Hase, das von zwei Frauen betrieben wird, die Mitglied im Bundesverband sexuelle Dienstleistungen sind. In „Freudendienste“ warten die Damen auf ihren Zimmern, die von einer spießigen Gemütlichkeit sind. Die intimen Geständnisse der Sexarbeiterinnen sind szenische Quickies – nach wenigen Minuten kommt ein Rausschmeißer – und so montiert, dass sie sich gegenseitig kommentieren. Keine stimmt die Ballade von der sexuellen Ausbeutung an. Schonungslos ist der Blick auf die Männer und durchaus auch erheiternd. Mit handwerklicher Leidenschaftslosigkeit werden banale Verrichtungen vorgeführt – unter Zuhilfenahme von Bürstchen und Kissen mit weiblichen Genitalien. Wenn die Darstellerinnen Kondome übers Gesicht ziehen, sie auf einen Meter Länge aufblasen, bis sie platzen, ist das ein grotesker Anblick. Die dezent in Weiß gekleideten Schauspielerinnen bewähren sich in der Nahbespielung, sie demonstrieren die Konstruktionen der Figur Hure. Auch wenn „Freudendienste“ die Schlüssellochperspektive bedient: an diesem Abend werden nicht nur miese Männerfantasien zur Strecke gebracht, auch pseudofeministischen Mythen – Hure sei ein Job wie jeder andere auch – werden ausgeräumt. Wer hinausgeht aus dem Freudenhaus, dem erscheint die Welt um vieles kälter.

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ARCHITEKTUR

Therme mit

Rahmenwerk

Obgleich viel beschworen, vermochte die Bundesstiftung Baukultur vor der Wahl den Widerstand im Bundesrat nicht zu überwinden. Und das, obwohl sich manche Bundesländer längst mit großem Engagement dem Thema angenommen haben. So auch Rheinland-Pfalz, das nicht nur über zahlreiche Burgen und Schlösser verfügt, sondern auch drei Welterbe-Stätten aufweisen kann. Gemäß der Vorbildfunktion der öffentlichen Hand, lobte man dort für zehn bedeutende Denkmale Wettbewerbe aus, um neue Eingangsgebäude zu schaffen. Gute zeitgenössische Architektur und historischer Bestand, lautete die Botschaft, gehen Hand in Hand. Inzwischen sind die ersten Projekte realisiert: Oswald Matthias Ungers „Rahmenwerk“ für die Kaisertherme ebenso wie das Dokumentationshaus an der Gedenkstätte Sonderlager/KZ Hinzert. Weitere Entree-Bauten folgen. Vorgestellt werden sie unter dem Titel Wegweisend in einer Sondernummer der Zeitschrift „Lebendiges Rheinland-Pfalz“ (zu beziehen über die Landesbank Rheinland-Pfalz). Mit dem nötigen Respekt vor dem historischen Bestand erweisen sich diese Arbeiten als Modellfälle, die auch private Investoren zur Nachahmung anregen sollen. So entsteht ein tragfähiges regionales Baukultur-Fundament, von dem aus – wie jüngst von Bauminister Wolfgang Tiefensee verkündet – die im Koalitionsvertrag festgeschriebene Stiftung Baukultur einen neuen Anlauf nehmen kann. Jürgen Tietz

KLASSIK

Töne mit

Donnerhall

Mancher mag meinen, das Mozart-Jahr beschere Musikanten eine regelrechte Beschäftigungsexplosion. Höchst unwahrscheinlich: Es wird nur einfach mehr Mozart gegeben – auf Kosten anderer Komponisten. Das 1988 gegründete Leipziger Streichquartett gibt auch sonst um die 100 Konzerte im Jahr, allerdings steht der Salzburger Jubilar augenblicklich häufiger auf dem Programm. Um nicht nur die viel gespielten Streichquartette zu Gehör bringen zu können, haben sich die vier der Mitwirkung des Bratschisten Hartmut Rohde versichert. In 26 Städten führen sie die sechs Streichquintette Mozarts an jeweils zwei Abenden auf, der rege Andrang im Kleinen Saal des Konzerthauses bezeugt die Attraktivität von solcherlei Repertoireballungen.

Gleich im Eingangsstück des zweiten Abends, dem c-moll Quintett, machen die Leipziger klar, was ein Quintett vom Quartett unterscheidet: die deutlich orchestralere Klangfülle. Große Geste und Kraft gehen hier über feine Klangsinnlichkeit, was den Stücken nicht immer gut tut. Vor allem die Oberstimmen: oft recht metallisch. Erst im dritten Satz, dem märchenhaft schönen Menuett-Kanon, finden die Musiker zu einem seidigeren und charmanteren Klangbild. Schade, dass das sonst so souverän agierende Ensemble vom Vibrato einen undifferenzierten Gebrauch macht. Man muss nicht die 1756 erschienene Violinschule von Wolfgangs Vater Leopold kennen, um zu wissen, dass Vibrato zu dieser Zeit eine subtile Tonverzierung war und kein Dauerzustand. Zum Höhepunkt des Abends gerät so der erste Satz des Es-Dur Quintetts, ein vor Energie berstendes Stück, dem die sonst oft zu harte Tongebung bestens zu Gesicht steht. Und zum Vibrieren ist bei so kurzen Tönen schlicht keine Zeit. Ulrich Pollmann

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