Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Im Strudel

großer Gefühle

Besser hätte Michail Jurowski seinen 60. Geburtstag nicht feiern können als am Pult des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin . Seit langem ist der russische Dirigent dem Orchester verbunden, und das hört man diesem Abend im Konzertha us buchstäblich aus jedem Ton heraus. Jeden Wink der hochdifferenzierten Stabführung befolgen die Musiker mit mustergültiger Präzision; dabei entfaltet sich ein liebevoll aufpolierter klanglicher Glanz, der ganz aus dem entspannten Aufeinander-Hören kommt. Dass man in Tschaikowskys selten gespielter erster Sinfonie so richtig schwelgen kann, versteht sich von selbst: Folkloristische Klarinettenmelodik, schmachtende Streicher, auftrumpfendes Blechgeschmetter lassen die „Winterträume“ aufs Delikateste zur Geltung kommen. Jurowski vermag große Gefühle zu inszenieren. Der Magie seiner Steigerungen, der verhauchenden Abschwünge, der klug gedehnten Übergänge entkommt man so schnell nicht.

Mit prallen, plastischen Klanggesten wird so zu Beginn Samuel Barbers frühe Ouvertüre „The School for Scandal“ zum Erlebnis. Freche Prokoffiew-Attitüde schimmert durch die burlesken Rhythmen, die den anzüglichen Witz der literarischen Vorlage – Richard Brinsley Sheridans Sittenkomödie „Die Lästerschule“ von 1777 – einfangen. Zwiespältig dagegen das Herzstück des Abends: Bohuslav Martinus Doppelkonzert für zwei Streichorchester, Klavier und Pauken ist so randvoll gepackt mit Klang, Bewegung und Emotion, dass ein möglicher roter Faden sich recht bald im Diffusen verliert. Da können Konstantin Lifschitz und Julien Bourgeois noch so fabelhafte Soloattacken dagegen setzen – häufig hört man sie ganz einfach nicht.

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ARCHITEKTUR

Im Bann des

Weltkulturerbes

In den Siebzigern hatte der „Rat der Stadt“ von Wittenberg genug von Luthers Geist. Stattdessen propagierte er die Chemiestadt-Wittenberg. Doch die Rechnung hatte man ohne den Genius Loci gemacht. Erfolgreich protestierten die Bürger gegen diese Umwidmung. So blieb die Lutherstadt-Wittenberg eine erfolgreiche Marke und stieg zum Weltkulturerbe auf. Nachzulesen ist diese Geschichte bei Stefan Rhein , dem Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten. Zusammen mit Vertretern der drei anderen Welterbe-Stätten in Sachsen-Anhalt, der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz, dem Bauhaus Dessau und dem Biosphärenreservat Flusslandschaft Mittlere Elbe hat er das Büchlein Genius Loci herausgegeben (106 S., 9,80 €). Aus der Perspektive eines Architekten, eines Ethnologen, einer Theologin sowie eines Landschaftsplaners wird hierin der oft beschworene Geist des Ortes hinterfragt. Tatsächlich ist es ein eher loses Band, das die vier Welterbestätten verbindet. Immerhin hat man in Sachsen-Anhalt erkannt, dass angesichts eines dramatischen Bevölkerungsrückgangs die Kraft der Zukunft nur aus jenem Geist erwachsen kann. Und dazu bedarf es einer öffentlichkeitswirksamen Präsentation. Jürgen Tietz

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