Kultur : KURZ & KRITISCH

Daniel Völzke

POP

Die Laune

macht den Abend rund

„Seid ihr schüchtern?“, ruft Denyo in den nur mäßig gefüllten Knaack-Club. Der Rapper der Hamburger Band Beginner zeigt bei seinem Soloauftritt den unbedingten Willen zum Entertainment. Seine souveräne Freundlichkeit unterscheidet sich krass vom harten Hiphop Berliner Spielart, dem auch das gelähmte Publikum verfallen scheint. Als Antwort auf die Frage nach der Schüchternheit kommt nur ein geknurrtes: „Nein, wir sind aggro!“

Doch Denyo hat für Ghetto-Attitüden keine Zeit – und so schwoft er als Li-La-Launebär mit seiner vierköpfigen Band durch die Tracks seines zweiten Soloalbums „The Denyos“ (Buback/Universal), schlägt ein paar Takte Beginner-Hits an und zitiert Oldschool-Gassenhauer. Ausgefeilte – aber allerdings etwas zu leise – Percussions schaffen latinoide Heiterkeit, ab und an grummelt das Saxofon dagegen eine mürrische Bassline an, DJ Mad, ebenfalls ein Beginner, setzt präzise seine Scratchs, Beats und Samples. Das Ende des Konzerts versöhnt durch ein könnerhaftes Freestyle-Set. Als Denyo am Ende die Bühne rapwilligen Gästen überlässt, wird klar, wie selten sein Talent ist, das ohne große Gesten auskommt und ungekünstelt seinen Ausdruck findet.

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KLASSIK

Das Gefühl

macht die Meisterschaft

Als Mozart noch mit seiner Schwester Maria Anna als Klavierduo auftrat, da floss viel künstlerische Energie in die überwältigende Turmfrisur, mit der das „Nannerl“ neben ihrem ebenfalls höchst modebewussten Bruder prangte. Heute zieht bereits ein mit wenig Aufwand übergeworfenes, prächtiges Justaucorps wie das von Yaara Tal alle Blicke auf sich. Die Pianistin und ihr Duopartner Andreas Groethuysen geben im Kammermusiksaal des Konzerthauses den ersten ihrer drei Klavierduoabende zum Thema Mozart und müssen ihre überschüssigen Energien noch auf anderes verwenden. Darauf nämlich, auf dem Steinway-Flügel so leicht und homogen zu klingen, als wäre es ein Hammerflügel aus dem 18. Jahrhundert. Sieht man von winzigen Schärfen des Fortissimos im Diskant ab, kommen das „Andante mit Variationen“ KV 501 oder die große F-Dur Sonate bei Tal & Groethuysen mehr als nur unbeschädigt davon. Mit intelligenten Phrasierungen, feinfühligem Dialogisieren sowie einer berückend warmen und transparenten tiefen Lage gehört das Duo klar zu denjenigen, die Mozart nicht erst seit diesem Jahr lieben. Und dennoch: wie man ein Übermaß an Musikgeschichte nicht nur mit eleganter, sondern auch völlig entspannter Meisterschaft verdaut, das zeigen die beiden erst zum Schluss: mit von innen strahlenden Orchesterfarben in Max Regers „Variationen und Fuge über ein Thema von Mozart“. Carsten Niemann

KLASSIK

Das Schweigen

macht die Musik

Es sind die langsamen Abenteuer der Musik, die diesem Konzert der Berliner Phil harmoniker mit Sir Simon Rattle eine Aura des Besonderen verleihen. Denn noch ist jede Interpretation des Chefdirigenten von experimenteller Neugier bestimmt. Mögen die Ergebnisse umstritten sein, Rattle dirigiert mit höchstem persönlichen Einsatz. So geht er an das Largo der Haydn-Sinfonie Nr. 86 mit einer Langsamkeit heran, die zugleich von Vitalität erfüllt ist. Er zelebriert vor allem die ungewöhnlichen Längen der Pausen, dem „Capriccio“-Charakter des Satzes gemäß. Es sind spannende Wunder des Schweigens. Im Zentrum steht Mozarts letztes Klavierkonzert B-Dur mit Alfred Brendel. Im Larghetto hebt die schöne musikalische Rede des Gedankenpianisten an. Er und die Philharmoniker sind sich darin einig, dass Musizieren Dialog ist.

„Ma Mère l’Oye“ von Maurice Ravel erklingt als ganze Ballettmusik, und wir befinden uns im Feengarten des Märchens, wo die Bläsersolisten und Streicher den Klang als Eigenwert feiern. Der Satz „Pavane de la Belle au bois dormant“ ist der „Pavane auf den Tod einer Infantin“ des französischen Meisters verwandt: Geheimnisvolle Wiederkehr des höfischen Schreittanzes im Schimmer des Impressionismus. Das Dornröschen soll hundert Jahre schlafen, wenn es so zart gebettet wird wie in dieser Aufführung. Auch das gehört bei Rattle zu den langsamen Abenteuern der Musik. Sybill Mahlke

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ARCHITEKTUR

Das Krumme

macht die Baukunst

Für individuelle Künstlerhandschriften jenseits des gebauten mainstreams gibt es in der Architektur nur einen schmalen Markt. Friedensreich Hundertwasser gehörte zu diesen erfolgreichen Einzelgängern, die vom breiten Publikum geliebt, von der Fachkritik hingegen belächelt wurden. Einen ähnlichen Weg hat auch der Ungar Imre Makovecz eingeschlagen, dem sich jetzt eine Werkübersicht widmet (Architecture as Philosophy, Edition Menges, Text in Englisch, 78 €). Zu seinen bekanntesten Arbeiten gehörte der turmbestandene Pavillon Ungarns auf der Expo in Sevilla. In seinen Bauten nimmt Makovecz die traditionellen Wurzeln der Volkskunst auf und lässt sich zudem vom Jugendstil und von organischen Formen beeinflussen. Das Ergebnis ist eine ebenso bewegte wie gewöhnungsbedürftige Architektur. Wie Zauberschlösser aus einer Fantasiewelt türmen sich seine Kirchenentwürfe zu expressiven Kompositionen empor. Dem Minimalismus der Moderne setzt er eine folkloristisch angehauchte postmoderne Schauarchitektur entgegen, bildhaft und durch Lichteffekte mystisch überhöht. Makovecz Häuser wirken wie Bühnenbilder, die mit den Sehgewohnheiten der Betrachter spielen. Jürgen Tietz

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