Kultur : KURZ & KRITISCH

Roman Rhode

JAZZ

Blaue Augen,

phänomenal

Schnell noch auf der Bühne einen Espresso gekippt, dann kommt er richtig in Fahrt. Michael Schiefel , blond und schlaksig, macht sich mit Vocal-Percussion und eckigen Bewegungen warm, steht an den Reglern seines Effektgeräts und singt Scat zu einem schnellen Bossa-Rhythmus, den seine Band Jazz Indeed losbricht. Schiefel ist ein Ausnahmevokalist, seine ungeheuer wandlungsfähige Stimme schraubt sich vom Bauchnabel bis zum Kopf empor, sein Gesang ist ironisch, lakonisch und klingt wunderbar androgyn. Seinen vier Begleitern, die alle zur ersten Riege der jungen deutschen Jazzszene gehören, scheint der Sänger manchmal sogar als Stimmgabel zu dienen. Und wenn Schiefel und Altsaxofonist Jan von Klewitz auf demselben Ton zusammentreffen, ist das ein Erlebnis. Im proppenvollen b-flat stellt das Quintett sein neues Album vor, das sich „Blaue Augen“ (ACT) nennt: eine kleine Huldigung an Ideal.

Ein Jazz, der gegenüber Popmusik keine Standesdünkel hegt – denn mit den Coverversionen von Hits der Neuen Deutschen Welle erinnert man sich an den „Soundtrack unserer Jugend“. Den Songs von Kraftwerk, Joachim Witt, Rio Reiser oder Annette Humpe verpassen Jazz Indeed ein ungewohntes atmosphärisches Gewand. Verringertes Tempo bei steigender Groove-Intensität, veredelt durch klangtüftlerisches Know-how. Da verliert Spliffs „Déjà Vu“ die bleierne Schwermut durch den frischen Wind des Saxofons, es gewinnt an Facetten durch den schlagwerkelnden Rainer Winch, und die Improvisationen lassen das altbekannte Thema jenseits der Hitparaden entdecken. Dazu die extravaganten Moderationen von Schiefel, sein irrer Blick zum „Goldenen Reiter“ – all das kommt nicht als sentimental-blauäugige Rückschau daher, sondern begeistert als eine kongeniale Neuschöpfung.

KLASSIK

Hammerschläge,

fundamental

Mozart und Mahler – zwei große Wiener standen auf dem Programm, das am Mittwochabend in der Philharmonie gegeben wurde. Alan Gilbert dirigierte vor fast ausverkauftem Saal das DSO mit Mozarts Klavierkonzert KV 482 und Mahlers Sechster in a-moll. Der Solist Yefim Bronfman spielte das Es-Dur-Konzert – gekonnt, aber ohne Ambition. Dass man auch mozartischer als Mozart sein kann, wurde hier einmal mehr deutlich. Natürlich ist sein Klavierkonzert kein Beethoven oder Chopin – etwas mehr Adrenalin hätte aber auch diesem Stück gut getan, das hier wie getragen-biedere Hofmusik wirkte, die sie nicht ist. Dass er ein „leidenschaftlicher Kammermusiker“ ist, wie das Programmheft belehrt, wusste Bronfman hier hörbar zu demonstrieren; auf den Götterfunken Enthusiasmus indes, der Mozarts Musik erst zum Ereignis macht, ließ er seine Hörer vergeblich warten.

Mahlers Sechste wiederum sollte tragisch klingen, wie sie auch heißt, kam aber nicht recht in die Gänge. Gewiss, der Ton des Werkes wurde getroffen, vom energisch-schwelgenden Einstieg des Kopfsatzes bis zu den fatalen Hammerschlägen, mit denen das Finale schließt; allein, dass hier ein Schicksalskampf ausgefochten wird, konnte Gilberts Interpretation nicht wirklich vermitteln. Mehr Deskription als Empathie konnte man hier erleben, besonders in den Ecksätzen, die allesamt zu schal und gedämpft im Ausdruck blieben. Befriedigender wirkte da noch das pastoral-versonnene Andante, dessen Anklänge an Beethoven und die Romantiker in der verhaltenen Stimmung des Orchesters ihre Entsprechung fanden. Ansonsten blieb die Melodik zu gefasst, das Pathos zu schwammig – ein Konzert, kein Ereignis.

Konstantin J. Sakkas

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