Kultur : KURZ & KRITISCH

Thomas Lackmann

KABARETT

Wir werden

Weltmeister

Wer das Wichtige tut, sagt er, sei ein Wichtigtuer. Die es mit sich tun lassen: Das sind die Wichtel. Er kommt aus der Stadt der Heinzelmännchen. Ist untersetzt, kantig, grantig. Grummelt, rattert, schnaubt durch die Wortfelder wie ein Roboter älteren Baujahrs. Dabei ist Heinrich Pachl erst Anfang 60: ein Jungbrunnen an Energie und sendungsbewusster Aggression. Der Brettl-68er spottet abendfüllend über Politiker und ihr Geschäft: „Vertrauensstörende Maßnahmen“ im Tränenpalast (22. sowie 25. bis 29. Januar). Respekt verdient Pachls unbeirrbarer Furor als linkes Schlachtross. Sympathisch ist seine polemische Poesie. „Wir sind Papst. Wir werden Weltmeister. Du bist Deutschland. Du hast die Arschkarte“, zürnt Pachl. Als running gag zitiert er die Kohlsche „Ge-chichte“: jenen dicken Mann, der im 20. Jahrhundert Kanzler war. Wenn Pachl „Ge-chichte“ sagt, sehen wir die Zeitläufte vom Feldherrnhügel der Wichtel – und den Moralisten selbst bereits als Denkmal seiner Zunft. Denn sein Herz schlägt ja für den Wichtel in uns allen: „Ich hab’ kein Selbstbewusstsein, ich hab’ Corporate identity.“

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COMEDY

Im Zug

der Ermittlungen

Einen Mord hat es im Panini-Express gegeben, und nun ist es an Inspektor Brio, unter den Zugreisenden den Mörder ausfindig zu machen. Die Brüder David und Avi Toubiana sind die Comedians The Tadbrothers – und auf der Bühne des BKA spielen sie alle sechzehn Figuren, die im Zuge der Ermittlungen auftauchen (heute sowie 25. – 29. Januar, 20 Uhr). Und so erinnert die Reise im Express bisweilen an die Reise nach Jerusalem, derart schnell hasten die beiden von Sitzplatz zu Sitzplatz, von Figur zu Figur, die allesamt mit zwei, drei Gesten und Requisiten schnell skizziert sind. Gelernt haben die Newcomer am legendären Lee Strasberg Institute in New York und im Yuk Yuks Comedy Club in Toronto, vor allem wohl aber auch bei den deutschen Comedy-Stars Christoph Maria Herbst und Bastian Pastewka, deren Charaktere auf ihr erstes abendfüllendes Soloprogramm unverkennbar Einfluss genommen haben. So ist die unglaubliche Reise in einem Zug voller Verrückter zwar weder original noch originell, zeigt aber in seinen stärksten Szenen zwei Clowns, die aus der Mischung von Slapstick, Pantomime und Wortwitz bisweilen große Komik entstehen lassen können. Richard Kropf

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KLASSIK

Klang

der Axt

Ausdrucksvoll, aber nicht gefühlig: So schmiedete Reinbert de Leeuw den Klang seines 1974 gegründeten Schönberg-Ensembles mit dem des RIAS-Kammerchor zusammen. Richtig so: Denn wenn dem Ausnahmechor bei Neuer Musik eine Gefahr droht, dann die, selbst spröde Cluster und zackige Zwölftonlinien durch die makellose Schönheit des puren Zusammenklangs ins allzu Genusshafte zu ziehen.

Das hätte nun leicht passieren können im Kammermusiksaal der Philharmonie. Denn Luigi Dallapiccolas Gesänge über Gefängnislyrik von Maria Stuart, Boethius und Savonarola zwacken ebenso am Herz wie die „Neruda Madrigales“ von Harrison Birtwistle, die man in Anwesenheit des Komponisten erstaufführte. Birtwistle schwankt in der Vertonung von Nerudas bildreicher „Ode an den zwiefachen Herbst“ zwischen zwei Prinzipien: Zum einen zoomt er sich an die Wortklänge heran, bis sie sich in abstrakte Strukturen auflösen, dann wieder greift er überraschend zu recht unverhüllter Textausdeutung. Dass Birtwistle den Wortklang der Axt (hacha) auch für ein kreatürliches Hauchen nutzt, hätte viel Effekt machen können – hätte man nicht gerade ein solches Hauchen zuvor in Bruno Madernas ökonomischer gesetzten „Tre liriche greche“ von 1948 gehört. Stark dagegen Birtwistles Schluss: Dort drillt sich die glänzende Trosse eines tragenden Einzeltons unerwartet in spröde scharfe Enden auf. Carsten Niemann

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