Kultur : KURZ & KRITISCH

H. P. Daniels

POP

Walzer in

Zeitlupe

Nach sechs Jahren haben Freakwater , die beiden Damen aus Louisville und Chicago Catherine Irwin und Janet Bean, wieder ein Album veröffentlicht: „Thinking Of You“. Und endlich sind sie wieder in Berlin. Auf der winzigen Bühne des Tacheles . Viertel vor elf. Catherine trägt eine dicke schwarze Russenpelzmütze, spielt sich die klammen Finger warm. Janet, mit blonder Strubbelfrisur, Cowboyhemd, Martin-Gitarre, zieht mit. Langsame Walzer. Freakwater lieben den Dreivierteltakt, zu dem sich so herzzerreißende Geschichten erzählen lassen: Liebesschmerz und düstere Mörderballaden. Mühelos verbinden sie in betörenden Duetten und Wechselgesängen die klassischen Themen amerikanischer Folk- und Countrytradition mit der rockigen Gegenwart. Von ihren Wurzeln in den Appalachen und bei der Carter Family spannen Freakwater einen schillernden Bogen über die „American Cosmic Music“ Gram Parsons und die vokalen Stimmungen der frühen Emmylou Harris zur Moderne. Zwischendrin unterhalten sie sich und das Publikum mit charmanten Witzeleien. So hingerissen ist es, dass es in vorauseilendem Pointengehorsam über alles lacht, was die Damen sagen. Nach einem Dutzend feiner Songs sagt Catherine: „Thanks for coming!“ Brüllendes Gelächter. Die Damen sind irritiert. Und singen noch einen ihrer zauberhaften Zeitlupenwalzer.

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