Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Zajonz

FESTAKT

Aus China

zum Pariser Platz

Es war das Ausstellungsereignis des Jahres 1929: Am Pariser Platz zeigte die Preußische Akademie der Künste gemeinsam mit der Gesellschaft für Ostasiatische Kunst eine Auswahl altchinesischer Werke von 165 meist privaten Leihgebern. Max Liebermann, Akademiepräsident und selbst Sammler chinesischer Altertümer, eröffnete eine Präsentation, die insgesamt 60 000 Besucher anzog, darunter Reichspräsident von Hindenburg und der schwedische Kronprinz. Die Gesellschaft für Ostasiatische Kunst war damals drei Jahre alt – und hatte bereits den Höhepunkt ihres Erfolgs erreicht. Liebermann und die anderen jüdischen Mitglieder des Vereins, der 1926 auf Anregung Wilhelm von Bodes zur Förderung des Berliner Museums für Ostasiatische Kunst gegründet worden war, wurden 1938 per Brief zum Austritt gedrängt. Man gab so die Hälfte der über 1000 Mitglieder preis. Deutsche Geschichte im Spiegel eines Vereinslebens, das nach 1945 für Jahrzehnte zum Erliegen kommen sollte. Am Montag feierte nun der 1990 als Deutsche Gesellschaft für Ostasiatische Kunst wiederbegründete Freundeskreis seinen 80. Geburtstag mit einem Festakt. Mit der „Ostasiatischen Zeitschrift“ gibt die Gesellschaft das einzige deutschsprachige Periodikum für alte ostasiatische Kunst heraus. Für das Museum für Ostasiatische Kunst, das im November sein 100. Gründungsjubiläum begehen wird, erwirbt man seit einigen Jahren auch zeitgenössische Werke: Fünf große Tuschezeichnungen des chinesischen Konzeptkünstlers Xu Bing stehen auf der Wunschliste der Vereinsmitglieder derzeit ganz oben.

* * *

JAZZ

Aus der Wüste

auf die Bühne

Er setzt einen Akkord. Sehr sparsam, leise. Der afro-amerikanische Pianist Craig Taborn gilt als der Rising Star des „Modern Serial Classicism“. Serielle Muster, sich ständig wiederholende Akkordfolgen, die eine fließende Grundlage bilden für die Melodien, die sich darüber setzen. Ursprünglich aus dem eher an klassischen Jazz-Patterns orientierten Quartett von James Carter hervorgegangen, studierte er bei den Komponisten Bolcom und Albright, die sich mit Atonalität und elektronischer Musik auseinander setzen. Das tut er mittlerweile auch. Doch im A-Trane hält er sich im Hintergrund. Überlässt die Bühne dem Bassisten Drew Gress, der einige der führenden Vertreter der Brooklyn-Szene zusammengerufen hat. Neben Taborn den Altsaxofonisten Tim Berne, den Trompeter Ralph Alessi und den Schlagzeuger Tom Rainey. Gress & Co spielen die Musik seiner neuen CD „7 Black Butterflies“. Bis auf Craig Taborn stehen die Musiker zuerst müde auf der Bühne, mit zerknitterten Hemden, unrasiert und blass im Gesicht. Erst langsam lösen sie sich, gehen aus der Musik heraus, die erst mal gar nichts von der Weite der Wüste hat, der Gress die Inspiration für seinen Albumtitel verdankt. Eher erinnert das Ganze an ein zugestelltes Zimmer, das Leben spielt sich vor dem Fenster ab. Nur in den langsamen Passagen, in denen einzelnen Tönen nachgespürt wird, oder wenn Tim Berne aus seinem Altsaxofon mit geschlossenen Augen die schwarze Tradition eines Julius Hemphill strömen lässt, findet die Musik zur Weite, zur Sensibilität des Untergründigen. Dahin, wo die Wüste lebt. Maxi Sickert

* * *

DISKUSSION

Aus Paris in

die Uckermark

Noch während Frankreichs Vorstädte vergangenen Spätsommer von Jugendlichen verwüstet wurden, entbrannte in Deutschland die Debatte, ob Ähnliches auch hierzulande möglich sei. Schnell wurde auf die hohe Konzentration von Einwanderern in Berlin-Kreuzberg und die großen sozialen Konflikte dort hingewiesen. Dabei wurde einmal mehr deutlich, dass Kreuzberg nicht viel mit den isolierten, weit außerhalb von Paris gelegenen Banlieues gemein hat. „Wenn ihr deutsche Banlieues sucht, dann schaut in die Uckermark“, behauptet nun der Sozialwissenschaftler Andreas Willisch . Im Roten Salon der Volksbühne diskutierte er mit dem französischen Soziologen Didier Lapeyronnie . Der Journalist Nils Minkmar moderierte diesen Auftakt der diesjährigen Volksbühnen-Reihe „Denkzone“. Trotz seiner provokant klingenden These betrieb Willisch keinen Alarmismus. Anders Lapeyronnie, der mit dem Ausruf provozierte, der Gewaltausbruch in Frankreich sei ein „Zeichen der Gesundheit“: Bei den meisten Menschen äußere sich Frustration in Selbstisolation, so Lapeyronnie, die Jugendlichen hätten aber gezielt den Wohlfahrtsstaat angegriffen, der sie nur verwalte. Diese Deutung wollte Willisch nicht auf die Verhältnisse im ländlichen Raum Nordostdeutschlands übertragen. Stattdessen beschrieb er anschaulich den Prozess des sozialen Ausschlusses junger Männer auf dem Lande, das von der wirtschaftlichen Globalisierung übergangen werde. Nachdem die industrielle Agrarwirtschaft im Osten zusammengebrochen sei, habe man keine Konzepte entwickelt, um die Dörfer zu integrieren, kritisierte Willisch. „Junge Frauen ziehen weg, besser Ausgebildete ziehen weg. Diejenigen, die im Westen keine Arbeit finden, kommen wieder.“ Wann es in der Uckermark knallen werde, wollte da eine Zuhörerin wissen. Doch Willisch betonte, dass das Problem nicht der Rechtsradikalismus vieler Jugendlicher sei, sondern ihre Gewissheit, es nie zu etwas zu bringen. Die Dorfgemeinschaften seien zerstört, die Menschen vereinsamt . Aber auch die Jugendlichen auf dem Lande hätten mitbekommen, dass ihre einzige Chance, sich Gehör zu verschaffen, in der Provokation liege. Philipp Lichterbeck

0 Kommentare

Neuester Kommentar