Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Tewinkel

KLASSIK

Einer macht,

was er will

Es war ein sonderbarer Abend, und das nicht nur wegen der konzertunüblichen Ordnung der Elemente: Zuerst eine Symphonie, dann eine buntkarierte Miniatur und danach das Solokonzert. Daniel Barenboim am Pult der Staatskapelle widmete diesen Abend dem Andenken Erich Kleibers und setzte sich selbst an den Flügel. Als erstes also Mozarts große g-moll-Symphonie KV 550 – mit einem schlank gegriffenen ersten Thema, einem beethovensch straight und affirmativ gespielten Menuett, schließlich einem Finale, das die Staatskapelle zart anging, um sich umstandslos im grob Gerührten zu verlieren: ein in seiner Erwartbarkeit fast enttäuschender Effekt, der sich wiederholte, als man zum dritten Satz des Klavierkonzerts Es-Dur KV 482 plötzlich persilfrisch aufwachte.

Wunderlich gestaltete sich aber auch der Konzertinnenteil, „Soundings“ für Klavier und Orchester von Elliott Carter , dem großen Herrn der zeitgenössischen amerikanischen Komposition. Naturgemäß hatte es das 2005 uraufgeführte Werk, das zu Ehren seines Widmungsträgers Daniel Barenboim mit den Tönen d und b beginnt, nicht leicht. Gegen die längst ins Kollektivgedächtnis gesickerten Klänge der g-moll-Symphonie mit ihren überschaubar-balancierten Sätzen mussten sich die lose kommunizierenden Instrumentalflächen Carters erst einmal behaupten. Holzgeschnatter, kissenweiche Streicherklänge, und immer mal wieder Barenboim am Klavier. Das aufmerksam lauschende Publikum nahm es mit Humor. Es ließ sich sogar vom seltsam aus dem Ruder laufenden Klavierkonzert Es- Dur inspirieren, in dem Barenboim probierte, experimentierte und zusammenbraute, eine Interpretation fabrizierend, die zu willkürlich schien, um auf positive Weise als spontan durchzugehen.

KLASSIK

Sie können

wie sie sollen

Draußen vor der Tür Studenten mit „Suche Karte“-Schildern, drinnen großer Andrang im Kammermusiksaal , als wär’s ein Abend mit Brendel oder Bartoli. Spätestens mit dem Abschluss ihres Exklusivvertrags bei Virgin sind die Musiker des Artemis-Quartetts zu Klassik-Stars geworden. Die vier Wahlberliner, die auf ihren CD- Covern mit WG-Charme in der U-Bahn posieren, taugen offenbar zu Identifikationsfiguren für die Generation 25 plus und ziehen ein Publikum an, das von einem Streichquartett nicht gediegene Repertoirepflege, sondern intellektuelle Auseinandersetzung erwartet. Bei ihrem zweiten Saisonabend macht sich das schon am Applaus bemerkbar: Während Ligetis erstes Streichquartett mit Bravorufen quittiert wird, erntet ein spätes Mozart-Quartett freundlichen, aber keineswegs überschwänglichen Applaus.

Tatsächlich sind Ligetis 1955 geschriebene „Metamorphoses nocturnes“ seit jeher eine Artemis- Trumpfkarte: Der lustvolle Überschwang, mit dem Ligeti hier die Grenzen des traditionellen Quartettspiels austestet, passt ideal zur dynamischen, auf Energie und formale Klarheit abzielenden Spielweise der Musiker. Frische Musik für helle Köpfe. Was Leuchtkraft des Tons und Ausgewogenheit der Phrasierung angeht, müssen die vier allerdings noch etwas zulegen. Mehr noch als Bartoks etwas vorsichtig gespieltes viertes Quartett deckt Mozarts heikles B-Dur Quartett diese Schwächen schonungslos auf. Unentschieden pendeln die Musiker zwischen rhetorischer Zuspitzung und schwereloser Harmonie: Cello und erste Geige plädieren für mehr Leidenschaft, die zweite Geige für diskrete Finesse, die Bratsche steuert lakonische Kommentare bei. Aber im Mozart-Jahr bleibt ja noch genug Gelegenheit zur Konsensfindung. Jörg Königsdorf

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