Kultur : KURZ & KRITISCH

Christoph Funke

THEATER

Der Richter ist

der größte Komödiant

Es schneit. Und am Rande des Bretterstapels mit nachrutschenden Hölzern ruht Dorfrichter Adam nicht eben in Geborgenheit. Unter weißen Umhängen tapsen die Dörfler von Huisum durch die hügelige Landschaft, sie kommen wie aus dem Nichts zum Gerichtstag. Alexander Lang entdeckt in Kleists Komödie „Der zerbrochene Krug “ am Maxim Gorki Theater den prallen Lebenswillen kleiner Leute, die sich weder von Winter noch von Obrigkeit den Spaß am Leben vermiesen lassen. Rüde gehen sie miteinander um, immer zu einer kräftigen Keilerei aufgelegt, aber auch zu Tänzen bei stampfender Musik. Der Gerichtsrat Walter hat da nicht viel zu bestellen, und alles Räumen mit Hockern, Kisten und gepolsterten Sitzen bringt keine Ordnung ins genüsslich gesteigerte Durcheinander. Im Gegenteil – das „zerscherbte Faktum“, der Krug, feuert die deftigen Belustigungen nur an, man tobt aufgedreht und unverdrossen herum in dem Bretterwinkel unter freiem Himmel (Bühne und Kostüme: Stephan Fernau). Bis der Justiz-Beamte, verzweifelt die Nase schützend vor den Ausdünstungen der Huisumer, das Weite sucht. Adam, der Dorfrichter mit sinnlich blanker Glatze, behauptet das Feld – ihn kennen die Leute, sie wollen ihn behalten.

So steht’s bei Kleist nicht, aber Lang und sein Ensemble legen dafür bedenkenlos einen an Bruegel-Gemälde gemahnenden Bauernschwank hin – dass es bei Kleist auch um große Politik geht, ist so wichtig nun nicht mehr (wieder am 31. Januar sowie 5. und 12. Februar). Überhaupt, die Geschichte vom Richter, der sich selbst den Hals ins Eisen judiziert, spielt nur am Rande eine Rolle. Götz Schubert macht seinen Adam zu einem Traumwandler, der aus tiefer Versunkenheit auftaucht, zu heftigen Ausbrüchen neigt – ein Kerl voller Lebenswillen, der beste Komödiant unter den Dorfleuten. Im Grunde feiern alle Huisumer immer ausgelassener ein Fest mit dem von Frau Marthe (Rosa Enskat) anklagend in die Welt gehaltenen Henkel des einst so prachtvollen Kruges. Nichts und niemand kann sie auseinander bringen.

* * *

TANZ

Der Flügel ist

ein rollender Stein

Das Gerangel an der Garderobe, die bebenden Frackschöße der Musiker, das auratische Wedeln des Dirigenten: So einen Abend im Konzertsaal kann man leicht als Choreografie lesen, bei der Rituelles und Banales, Erhabenes und Lächerliches in dichter Folge aufeinander treffen. Xavier Le Roy, der vom Zellbiologen zum konzeptgetriebenen Tanzarrangeur mutierte, schreitet nun im HAU 2 zur „Inszenierung eines Konzertabends“. Seine im Rahmen des Neue-Musik-Festival „UltraSchall“ vorgestellten Mouvements für Lachenmann wollen in drei Stationen das Körperliche in der Musik entdecken, das in der Partitur verborgene Theater physisch erfahrbar machen.

Die Kompositionen von Helmut Lachenmann, der ebenso sanft und unbeirrbar daran glaubt, dass die Wahrheit dem Menschen akustisch zumutbar ist, dienen Le Roy dabei als Schrittmusterbogen. Das strahlt zu Beginn, beim „Schattentanz“, durchaus noch Bildkraft aus: Da schiebt sich zu gleißenden Obertönen ein Flügel in den Raum, wird von seinem schwarz gewandeten Spieler (Marino Formenti) weitergerollt, stoisch-liebevoll, ein Steinway gewordener Stein des Sisyphos. Mit „Salut für Caudwell“ verwandelt sich die Szene in ein angespanntes Luftgitarren-Duett mit unmotivierten ironischen Brechungen. Und im finalen „Mouvement“ fühlen sich die Musiker des Kammerensembles Neue Musik als Pantomimen ihrer selbst sichtbar unwohl. Das Geheimnis der Musik, es bleibt dabei unangetastet. Man verlässt mit Erleichterung den Saal (noch einmal heute, 20 Uhr). Ulrich Amling

KLASSIK

Die Schwermut ist

ein großes Tier

Es ist schon ein Kreuz mit der Liebe. Sie schafft mehr Leiden als Lust, braucht ständig Sonnenschein und erfriert im kalten Gemäuer. Zumindest in Maurice Maeterlincks Drama „Pelléas et Mélisande“ ist das so, eine Art frankophile Fassung des „Tristan“-Stoffes, mit der französische Komponisten um 1900 Wagner Paroli bieten wollten. Solcherart literarische Vorlagen versprachen ein attraktives Programm im Konzerthaus , doch legten sie sich auf die Dauer wie ein bleischwerer Panzer um die Musik. Auch entfachte Michael Gielen mit dem Berliner Sinfonie-Orchester eher Schwerblütigkeit und damit ein Dauerpathos des „wagnérisme“, statt mit französischem Flair gegenzusteuern. Schmerzlich berührt das in einer „Sinfonie“, die ein gewisser Marius Constant aus den Zwischenspielen der „Pelléas“-Oper von Debussy destillierte: Ohne den Rhythmus der Sprache wirkt die Musik wie gelähmt, wälzt sich in dickflüssiger Instrumentation aus langen Nebelklängen zu den seltenen Steigerungen empor. Gabriel Faurés Suite zum selben Thema tut sich da noch durch die elegische Eleganz süßer Flötenkantilenen in der „Szene am Brunnen“ hervor. Ernest Chaussons „Poème de l’amour et de la mer“ ergeht sich in gepflegter Melancholie; Nicola Beller Carbone umhüllt die rund um den Tristan-Akkord anbrandenden Klänge mit ihrem üppigen Sopran wie mit schweren Samtportieren. Klangliche Opulenz bestimmt auch die Schlussszene der „Salome“ von Richard Strauss, doch hier hat die anflutende Stimme der jungen Sängerin schwer gegen den Orchesterapparat zu kämpfen, und so kann sie die Differenzierung zwischen Wollust und Todessehnsucht nicht deutlich machen. Respektvoller Beifall. Isabel Herzfeld

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