Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Lüke

POP

Schöne Lieder

über gar nichts

Nur kein Missverständnis: Da wird nichts düster oder gruselig, auch wenn der Bandname auf einem DDR-Euphemismus für Sarg beruht. Dabei sind Erdmöbel gar keine schaurige Gruft-Combo aus dem Osten, sondern eine Band aus Köln, die sich bereits seit zehn Jahren ein eigenes Pop-Universum zusammenbastelt und damit eine stetig wachsende Fangemeinde begeistert. Ähnlich aus den Fugen wie der Bandname sind auch die Texte von Sänger-Poet Markus Berges, die trotz aller Merkwürdigkeiten und einer Vorliebe für vermeintlich unsingbare Worte wie „Thrombosestrumpfhose“ oder „Schiffsschaukelbremser“ so funktionieren, dass sie jeder mitträllern kann, also ganz Allgemeinkultur sind, Pop im besten Sinne – auch als Konglomerat von Hits, zu denen das Publikum in der Volksbühne gerne mitschunkelt. Mit den Beatles-Harmonien, Bossa-Nova-Rhythmen, Schlagervibes und einer Posaunistin, die bei der Live-Umsetzung zusätzlich Luft in die Lieder pustet, während Berges mit lädierten Stimmbändern über die „Schuhe von Katherine Hepburn“ singt und dazu mit der Gitarre schrammelt.

Daneben pluckert Ekki Maas am Höfner-Baß, Keyboards schwelgen, und der Schlagzeuger streichelt im Hintergrund die Felle. Hauptsächlich für Songs aus dem neuen Album „Für die nicht wissen wie“ (Tapete): „Ich wollte, die Welt ginge immer bergab“, die aktuelle Single „Lied über gar nichts“ oder „Nah bei dir“, eine Coverversion von Burt Bacharach als Zugabe. Dabei kommt zum Tragen, was diese Band immer auszeichnet hat: unaufdringliche Freundlichkeit und der damit verbundene Vorschlag, das Leben von der lockeren Seite zu nehmen. Ohne Anspruch auf irgendein Heil für die Welt, sondern um sich aneinander zu wärmen und gewisse Dinge kultisch zu pflegen, Freundschaften etwa, oder die Vorliebe für all den Kulturkram, mit dem man simplen Spaß haben kann: zum im übermüdeten Zustand vor dem Nachtfernseher sitzen und die Themen des Tages abhandeln, bis sich das Gefühl von entspannter Ohnmacht einstellt: „Ich wünsche mir ein Lied / über gar nichts / eins das fällt und verglüht / in der Finsternis / über gar nichts / ein kaputter Satellit.“ So schön kann Pop aus Deutschland sein.

KLASSIK

Mozart,

milde

Es sei nicht lebensbedrohlich, versuchte ein sichtlich ergriffener Intendant Peter Mussbach sein Publikum zu beruhigen, doch Daniel Barenboim sei zwanzig Minuten vor Konzertbeginn in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Was kann man tun? Absagen? Gerade das Galakonzert, das vom Fernsehsender Arte in über zwanzig Länder übertragen wird? Ersatz finden für Daniel Barenboim? Eigentlich unmöglich, und schon gar in zwanzig Minuten. Schließlich ist der Barenboim-Assistent Julien Salemkour eingesprungen. Die Staatskapelle spielt in der Staatsoper unter Schockeinwirkung. Barenboim aber hat sein Feld offenbar gut bestellt, und die Staatsoper bringt das Konzert trotz der Schreckensmeldung anständig, in Teilen sogar großartig über die Bühne. Die „Titus“-Ouvertüre quält sich noch wenig inspiriert über die Runden, doch schon das 5. Violinkonzert mit Nikolaj Znaider gewinnt an Qualität. Znaider setzt konsequent auf Tonschönheit, weniger auf temperamentvolle Gestaltung. Harmonische Wechsel und Mozarts Lust an raffinierter Nutzung der alten Form interessieren ihn nicht so sehr.

Das Konzertprogramm konzentrierte sich an diesem Abend, dem 250. Geburtstag des Komponisten, ohnehin auf den milden Mozart, der kaum überrascht und keinem wehtut. Auch Salemkours Verständnis der 40. Sinfonie bietet dem Publikum einen ruhig gestellten Mozart, so dass die gepflegte Unterhaltung gelegentlich in Langeweile kippt. Bei Thomas Quasthoffs perfekter Interpretation der Konzertarie „Per questa bella mano“ ist das ganz anders. Dieses beinahe unsingbare Werk mit einer ebenfalls fast unspielbaren Kontrabassbegleitung (grandios: Christoph Anacker) zeigt endlich die originellere Seite Mozarts.

Auch in „Ein Mädchen oder Weibchen“ und dem Papageno-Papagena-Duett aus der „Zauberflöte“ (mit Sylvia Schwartz) bot er eine ausgefeilte Interpretation des Vogelfängers, die er noch durch sparsame Mimik unterstrich. Und das 23. Klavierkonzert war ebenfalls sehr ordentlich. Das Wichtigste aber: Hochachtung für das musikalische Handwerk und den Mut Julien Salemkours, für den erkrankten Maestro einzuspringen, dem alle im Opernhaus nur das Beste wünschen. Uwe Friedrich

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