Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

NEUE MUSIK

Griff in

die Kiste

Angst vor Neuer Musik ist ein weit verbreitetes Phänomen, wenngleich mit abnehmender Tendenz. Warum, mag sich der 42-jährige, erfolgreiche Komponist Christian Jost gefragt haben, warum nicht die Angst zum Thema eines Werks machen – verspricht die Koppelung von Medium und Inhalt doch Synergieeffekte. Eine Choroper mit Videoeinspielungen hat Jost komponiert, im Rahmen des Ultraschall-Festivals ist sie nun in den Sophiensaelen zu hören. Der 70-köpfige Rundfunkchor Berlin bevölkert den Raum als Angst einflößender Pulk, an der Seite spielt das Ensemble Musikfabrik NRW. Die leichte Abseitigkeit der Instrumentalisten prägt den Abend allerdings nicht nur optisch: Was dieses fabelhafte Ensemble zu spielen hat, unterfordert die Musiker sichtlich.

Denn Angst klingt bei Jost so, wie es sich der Betrachter schlechter Horrorfilme vorstellt: aufgeregtes Tremolieren allerorten, lauter Griffe in die Kiste modernistischer musikalischer Klischees. Der Chor hat mehr zu bieten. Jost versteht für Stimmen zu schreiben, was Simon Halsey, den Dirigenten des Abends, dazu veranlasst hat, ihm den Auftrag für diese Choroper zu geben. Insbesondere das Solistensextett in der zweiten Szene begeistert mit einem raffiniert alte Madrigalkunst assoziierenden Satz. Und dennoch geht das Thema Angst niemandem recht unter die Haut. Weder der Text noch die Musik oder gar die netten, aber völlig überflüssigen Videoeinspielungen verarbeiten das Thema in berührender Weise. (noch einmal heute, 20 Uhr)

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KLASSIK

Tritt auf

das Pedal

Das Gute am Geburtstagskonzert an der Komischen Oper : Obwohl nur die erste Programmhälfte dem Werk des Jubilars gewidmet war, gab es darin ungewöhnlich viel Mozart zu hören. Und das ist nicht so selbstverständlich. Schließlich nutzen Interpreten wie Exegeten derzeit den Primärreiz, den der populäre Name des Genies auslöst, gerne dazu, um unter dem Deckmantel Mozart zu allererst von sich selbst zu sprechen. Dem jung populär gewordenen Martin Stadtfeld und dem Orchester der Komischen Oper unter Sebastian Weigle jedoch durfte das Publikum zu allererst zuhören, wie sie Mozart zuhörten. So jedenfalls könnte man die Wirkung der Verbindung aus Präzision, Gelassenheit und Kultur des leisen Tons beschreiben, mit der die Interpreten das Klavierkonzert Nr. 24 c-moll angingen. Stadtfeld kam dabei zugute, dass seine eigentümliche Stärke der Wirkung von Mozarts Wiener Flügeln entspricht und somit authentisch scheint: Die Rede ist von seinem außerordentlich feinen, durch sparsamen, aber raffinierten Pedaleinsatz farblich sehr differenzierten und bei großer Leichtigkeit rasend schnellen Anschlag. Das Orchester wusste diesen Ansatz als aufmerksamer und feinfühliger Partner nicht nur zu unterstützen, sondern – besonders bei den Bläsern – auch zu spiegeln. Ein geschmackvolles Mehr an subjektivem Kontrast erlaubte sich Stadtfeld in den von ihm selbst geschriebenen Kadenzen, gab die Selbstbeherrschung aber leider in den manieriert verhetzten Zugaben auf. Weigle und einem Riesenorchester gelang dagegen mit einer lyrischen, sanft intensiven Deutung von Pelleas und Melisande op. 5 überraschend ein Schönberg aus Mozarts Geist. Carsten Niemann

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KUNST

Strich an

der Wand

Der Wachturm steht mitten auf der Straße. 1977 malte der Ost-Berliner Maler Konrad Knebel sein Bild „Straße mit Mauer“. Weil die Grenzbefestigung in der DDR nicht abgebildet werden durfte, prägte sich Knebel die Situation an der Strelitzer Straße in Mitte durch Spaziergänge ein. Ausgestellt hat er sein Bild zu DDR-Zeiten nie. Nun hängt es mit über 100 weiteren Gemälden und Arbeiten auf Papier im Kunstforum der Berliner Volksbank (Budapester Straße 35, bis 17. April; täglich 10 bis 18 Uhr; Katalog 14,90 €). Unter dem Titel Berlin im Bild – Malerei seit 1945 zeigt die Stiftung Stadtmuseum dort erstmals eine Auswahl ihrer Berlin-Bilder, die aus dem Märkischen Museum in Ost- und dem Berlin Museum in West-Berlin stammen.

Die Berliner Stadtbildmalerei blickt auf große Namen: Eduard Gaertner, Adolph von Menzel, Lesser Ury. Die realistische Tradition tönten Künstler in Ost und West seit 1945 und erst recht nach 1961 gern mit einem Hauch von Melancholie ab. Im Osten brachten Maler wie Harald Metzkes, Strawalde oder Wolfgang Leber in malerisch feinsinnigen Stadtlandschaften ihre Ablehnung „offizieller“ Bildthemen zum Ausdruck. Im Westen malte ein Großmeister wie Carl Hofer in den 50er Jahren damit gegen den Alleinvertretungsanspruch der Abstrakten an. Den Lohn solchen Eigensinns strichen erst die jungen Wilden ein: Die Schüler Karl Horst Hödickes an der Hochschule der Künste machten das Genre um 1980 auch international wieder salonfähig. Michael Zajonz

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