Kultur : KURZ & KRITISCH

Christoph Funke

THEATER

Papphäuschen,

zerlegt

Die Lakonie der Erzählung Macht nichts von Michael Ende ist bestechend. Ein Mann sieht zu, wie ein Kind, das sehr groß ist, Wurst und Bratkartoffeln verschlingt, Bier trinkt und die Zeitung unbrauchbar macht. Dennoch wird der seltsame Esser ins Häuschen des Erzählers eingeladen, zerschmettert das Aquarium, legt Feuer – die Bleibe brennt ab, der Gastgeber kommt ins Krankenhaus, das Kind verschwindet. Beiläufig wird das erzählt. Und lässt eine Frage zurück: Wie geht man mit so einem Kind um? Im Theater an der Parkaue begegnet Sascha Bunge der Erzählung mit überlegenem Humor.

Helmut Geffke als Mann erzählt staunend, was er erlebt, auch mal aus der Fassung gebracht, immer um Haltung bemüht. Das „Kind“ spielt der schnurrbärtige Manfred Struck, den Spott über das pädagogische Wohlverhalten der Erwachsenen hinter diesem Gesichtsbewuchs versteckend. Bunge deutet nur vorsichtig aus (auch durch kluge Zutaten zum Text und ein heiter verfremdetes Video) – ein weißes Papphäuschen, Tisch und Stuhl genügen (Bühne/Kostüme Angelika Wedde). Sauber zerlegt der Bärtige das Gehäuse, jede Erzählstation wird mit Genuss zelebriert. Spannende 45 Minuten lang wird die Tragfähigkeit von Verständnis, Nachgiebigkeit und Liebe zwischen Kindern und Erwachsenen geprüft. (Wieder am 11. Februar um 18 Uhr)

* * *

KLASSIK

Salon,

durchlüftet

Mächtig schmettern die Blechbläser, schwungvoll brandet der Walzerrhythmus. Der amerikanische Dirigent Robert Spano und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin geben alles an dynamischer Bandbreite. Franz Liszt führt mit seiner Sinfonischen Dichtung „Festklänge“ zwar eine rauschende Ballnacht vor Ohren. Über die knapp zwanzig Minuten drängt sich wegen der musikalischen Überschaubarkeit jedoch eher der Eindruck einer lärmenden Party auf, bei der die letzten Gäste partout nicht gehen wollen, obwohl die Luft längst raus ist. Vielleicht war Liszt eben doch am besten, wenn er für Klavier schrieb. Boris Berezovsky wagt sich an dessen erstes Klavierkonzert und legt mächtig los, donnert die vollgriffigen Eingangstakte in die Philharmonie .

Doch schon die nächsten Läufe und lyrischen Passagen setzt er so sanft verdämmernd an, dass sich der Zauber des Virtuosentums einstellt. Kraftvolles Vorzeigen der faszinierenden Fingerfertigkeit, gepaart mit verblüffender Zärtlichkeit lassen das Stück atmen und bringen frische Luft in den sonst oft überparfümierten Salon. Vor allem aber teilt Berezovsky mit, dass diese Musik Vergnügen bereitet. In Sergej Rachmaninows „Sinfonischen Tänzen“ kann das RSB noch einmal mit melancholisch umflortem Farbenglanz auftrumpfen, aber Rachmaninow war mit Soloklavier immer besser als ohne. Uwe Friedrich

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