Kultur : KURZ & KRITISCH

Kai Müller

POP

Donner

der Straße

Für Tortoise wurde eigens der Begriff Post-Rock erfunden. Das war 1994. Seitdem verwaltet das Quintett aus Chicago sein überbordendes Klangarsenal wie eine Wohngemeinschaft mit ausgehängten Zimmertüren. „Ich glaube, Duke Ellington hat mal gesagt“, erklärt Bassist und Kopf der Band Doug McCombs, „dass jeder Musiker letztlich nur eine einzige Melodie in sich trägt. Jede seiner Kompositionen wäre eine Neuinterpretation dieser einen Melodie. Wenn dem so ist, arbeiten Tortoise bei fünf Mitgliedern mit fünf Melodien.“ Auf ihrem neunten Album The Brave and The Bold (Domino) haben sie noch eine sechste hinzugewonnen in Gestalt von Sänger Will Oldham alias Bonnie ,Prince’ Billy . Der Country-Mann aus Louisville gibt den Instrumental-Werkern sein raues Steppenorgan, um gemeinsame Lieblingslieder zu covern. Da wird Springsteens „Thunder Road“ raffiniert entrockt und zum fulminant-melancholischen Langgedicht. Oder „Daniel“ von Elton John: Die Ballade verwandelt sich in eine düstere Echokammer, ohne Ende und Anfang, voller zerfranster Störgeräusche. Die beglückende Leichtigkeit, die einem Bossa-Nova-Klassiker wie Milton/Nascimentos „Cravo É Canela“ anhaftet, geht in einer Ruinenlandschaft verloren. „It’s Expected I’m Gone“ von den Minutemen klingt ebenfalls tieftraurig und schwer.

Hier geht es nicht um stilistische Vielfalt. Die Band zerreibt die Songs, unterwirft sie ihren strengen elektrischen Klangmühlen, löscht aus, was sie am Pop-Himmel kurz aufleuchten ließ, macht sie hässlich und grandios zugleich. Das Hymnische wird zur pockennarbigen Visage, die von Lebenserfahrung erzählt. Und Tortoise, die kurz davor waren, manieristisch zu werden, beziehen aus Kompositionen von verlorenen Genies wie Richard Thompson („The Calvary Cross“) oder Devo („That’s Pep“) neue Kraft.

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LYRIK

Gedächtnis

der Fische

Ivan Blatnys „Alte Wohnsitze“ sind die englischen Landhäuser mit ihren Bibliotheken und Parks, „in Orten wie Steine, namenlos mit seltsamen Namen“. Eine Erinnerung an das neunzehnte Jahrhundert, die dem Dichter über die triste Gegenwart hinweghilft. 1948 war Blatny mit einer tschechischen Schriftstellerdelegation nach England gereist. In seinem Land hatte gerade das kommunistische Regime die Macht übernommen. Blatny wollte nicht zurückkehren. Doch das Leben im Exil endete für ihn in psychiatrischen Kliniken. So ist es fast ein kleines Wunder, dass er nach Jahren des Schweigens 1969 wieder zu schreiben begann. Nach und nach wird ihm die englische Landschaft durchsichtig: „Es scheint dieses Glashaus ist England / Man kann ständig sehen wie viel Wasser in der Luft ist / Das Gedächtnis der Fische hat es nie verlassen.“ Nun schleichen sich Bilder aus der Erinnerung in die Zeilen, „Gesumme von Bahnhöfen und Telegraphendrähten“, befreundete Dichter treten auf, und auch die „Surrealistenfahne“ weht bisweilen. Zu Stillleben und Vignetten fügt Blatny seine Verse, spielt mit Farben und Klängen. Die Übersetzerin Christa Rothmeier hat auch die strengen Formen, die Sonette zumal, in Freie Rhythmen verwandelt. „Der Bettler hat an der Donau seinen Platz / Traurig spielt ein Leierkasten / und ein Frühlingslüftchen aus Schönbrunn / umfächelt die alte Krone.“ Das ist ein hübsches Parlando geworden, lässt aber vielleicht zu wenig von der List spüren, mit der Blatny „korunu“ auf „Schönbrunnu“ reimt. Eine Besichtigung sind seine „Alten Wohnsitze“ trotzdem allemal wert. Nico Bleutge

Ivan Blatny: Alte Wohnsitze. Gedichte. Aus dem Tschechischen von Christa Rothmeier. Edition Korrespondenzen, Wien 2005. 190 Seiten, 22,20 €.

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ARCHITEKTUR

Krone

der Stadt

Die „behutsame Stadterneuerung“ Berlins im Rahmen der Internationalen Bauausstellung von 1987 ist untrennbar mit Hardt-Waltherr Hämer verbunden. Bewahren statt abreißen lautete damals das noch heute aktuelle Motto, das folgerichtig zum Berliner Exportschlager aufstieg. Doch Hämer schrieb auch mit seinen Theaterbauten deutsche Architekturgeschichte. Ihnen widmet sich eine Ausstellung in der Universität der Künste (Foyer im Einsteinufer 43- 53, bis 12. März, Mo–Fr 10–18 Uhr, So 11–17 Uhr, Katalog 12 €) . Zahlreiche originale Skizzen, Pläne und Fotografien zeichnen ein eindrucksvolles Bild von Hämers Entwürfen und Bauten. Mit der Ausstellung stellt das „Archiv Hardt-Waltherr Hämer“ erstmals einen Teil seiner Bestände öffentlich vor.

Hämers Einstieg in die Bauaufgabe stellte das „Nationaltheater Mannheim“ dar, das er 1952/57 noch im Büro von Gerhard Weber verantwortete. Mit dem Stadttheater Ingolstadt folgte 1959/66 der erste eigene Theaterbau: Ein noch heute atemberaubend kühnes Sichtbetongebäude, das bei aller Modernität klug an den kleinteiligen städtischen Raum andockt. Organisch gestaffelt bietet es Platz für zwei Veranstaltungsräume. Ganz zu Recht zählt es inzwischen zu den jüngsten Baudenkmalen Bayerns. Es folgten die Stadthalle in Paderborn (1971/81), die sich wie eine Stadtkrone empor- schichtet, sowie die Erweiterung des Hessischen Stadttheaters in Wiesbaden (1976/78) – eine gebaute Schadensbegrenzung, sollten an ihrer Stelle doch zunächst Hochhäuser den historistischen Kernbau bedrängen. Jürgen Tietz

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