Kultur : KURZ & KRITISCH

Konstantin J. Sakkas

KLASSIK

Auf der Suche

nach der verlorenen Zeit

Kammermusik muss nicht, wie Liszt spottete, „Jammermusik“ sein. Das beweist Emanuel Ax , derzeit Pianist in Residence der Berliner Philharmoniker, mit seinem Strauss-Debussy-Ravel-Programm im K ammermusiksaal . Den Auftakt macht das selten aufgeführte Melodram Enoch Arden von Richard Strauss (1897), eine pianistisch-rezitativische Vertonung des Versepos’ von Alfred Tennyson. Ulrich Mühe spricht den Text, sensibel changierend zwischen eruptivem Überschwang und Coolness. Der Pianist bleibt im Hintergrund, wie es der Tenor der spätromantisch-gründerzeitlichen Narration verlangt, besticht aber an den thematischen Wendepunkten durch grandseigneurhaften Zugriff sowie schumanneskes Espressivo.

Nach der Pause treten Guy Braunstein (Violine) und Olaf Maninger (Cello) hinzu. Debussys Petite Suite gewinnt Konturen jenseits von Pariser Salon und Faubourg Saint-Germain. Ravels a-mollTrio, eine wunderbar proustianische Meditation über das Ringen des Individuums mit sich selbst, findet in den drei Solisten Interpreten von seltener Temperiertheit: Der teils erratisch-aufgewühlte, teils verhärmt-verhaltene Gestus der impressionistischen Erzählung wird ebenso zartfühlig wie luzide wiedergegeben – vom elegischen Einstieg des Kopfsatzes über das besinnliche Rezitativ der Passacaglia bis zum sieghaften Finale. So muss Kammermusik klingen: gefühlsnah, nicht affektiert.

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BLUES

Auf dem Highway

ist die Hölle los

Der Blues kann nicht altern, er war ja schon immer da. Auf der Zeichnung, die das Cover seines neues Albums Soul of a Man (SPV) ziert, sieht Eric Burdon aus, als sei er auf Besuch aus dem Reich der Toten. Vierzig Jahre in der Rock’n’RollMühle, der Alkohol, die Drogen: Das hat Spuren hinterlassen. Aber Burdon, der mit seinen Animals den amerikanischen R & B noch vor den Stones nach England holte, hat überlebt. Er ist jetzt 64, für einen Bluesman müssten die besten Jahre eigentlich noch kommen. Seine Stimme faucht, röhrt, grummelt, sie klingt immer noch so kraftvoll wie vor dreißig, vierzig Jahren, als Burdon Klassiker wie „We Gotta Get Out of this Place Alive“, „It’s My Life“ oder „When I Was Young“ aufnahm. „Soul of a Man“ ist eine puristische Bluesplatte, gewidmet den schwarzen Pionieren des Genres aus den zwanziger und dreißiger Jahren. Burdon singt Standards von Mississippi Frank McDowell, Howlin’ Wolf und Leadbelly, Songs, die von den Härten des Daseins, von Träumen und der Liebe erzählen und vom Spirit, den man niemals verlieren darf. Die Hammond-B3-Orgel brummt, Bläser schwellen, E-Gitarren heulen auf. Das schönste Stück, eine entrückte Ballade mit Banjobegleitung, heißt „Never Give Up Blues“. „I’ve been down country road / I’ve been down the highway too / I’ve been lost, lost in love / But I never did give up“, zetert Burdon. Aufgeben zählt nicht. Ein großer Stoiker. Christian Schröder

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