Kultur : KURZ & KRITISCH

Julia Amalia Heyer

FILM

Stiefmutter

ist die Zweitbeste

Am Ende schneit es im August und alles ist gut. Witwer Brown heiratet Küchenmädchen Evangeline – selbstverständlich mit Einverständnis seiner Kinder, die schreckliche Beinahe-Stiefmutter zieht beleidigt von dannen und die böse Tante wird mit Torte beworfen. Mit der Fantasykomödie Eine zauberhafte Nanny hat der britische Regisseur Kirk Jones die Geschichten um Nurse Matilda von Christianna Brand fürs Kino adaptiert. Die Buchreihe aus den Sechzigern ist in England ein Märchen-Klassiker: Zähmung der Widerspenstigen durch Zauber. Derer gibt es gleich sieben, die Brown-Kinder, die mit ihrem Vater Cedric in einem großen, verwinkelten Haus leben und seit dem Tod der Mutter außer Rand und Band sind: 17 Kindermädchen haben sie bereits zum Teufel gejagt. Des Übels noch nicht genug, droht die geiernasige Erbtante, jegliche finanzielle Unterstützung einzustellen, wenn der zerrüttete Cedric nicht binnen eines Monats wieder heiratet. Es ist keine gute Fee im eigentlichen Sinne, die Mr. Brown vom unerträglich gewordenen Schicksal erlöst. Nanny Mc Phee ist weder anmutig noch ätherisch, sondern von eher massiger Gestalt, hat zwei große Warzen im Gesicht und einen hervorstehenden Schneidezahn, gespielt von Emma Thompson , die alle Register des Gouvernantendaseins zieht. Der Lehnstuhl vor dem Kamin ist abgewetzt, die Patchworkquilts auf den Betten bunt – ein Bilderzuckerguss an Märchenklischees. Der weiße Schnee am Ende tut wohl.

in 17 Berliner Kinos, OV im CineStar.

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KLASSIK

Das Korsett

kneift nicht

Im Rausch des Konzerterlebnisses wird meist vergessen, dass Interpretation nicht nur Vergegenwärtigung ist, sondern immer auch von der Distanz lebt. Denn erst ein Werk, das nicht mehr selbstverständlich erfasst wird, muss als etwas Verlorengegangenes durch den Interpreten zurückgeholt werden. Wenn die St. Petersburger Philharmoniker und ihr Chef Yuri Temirkanov Tschaikowskys fünfte Sinfonie spielen, ist von einer Kluft zwischen Notentext und Interpret nichts zu spüren. Von den ersten Takten an, dem faszinierend herb und einsam vor einen leeren Streicherhorizont gestellten Klarinettensolo, scheint in der Philharmonie nur das Werk selbst mit unmissverständlichem „So und nicht anders“ das Spiel zu diktieren. Authentizität ist hier nicht das Ergebnis einer musikwissenschaftlichen Rekonstruktion, sondern einer liebevoll durch Generationen und Systemwechsel hindurch bewahrten Tradition. Weil dieser Liebe die Partitur heilig ist, wird sie nie zum Kitsch: Dieser Tschaikowsky wahrt eine strenge Ökonomie der Mittel. Perfekt die Balance zwischen den Orchestergruppen, exakt die dynamischen Differenzierungen – die Unerbittlichkeit der klassischen Form, zeigen die Petersburger, ist ein Korsett, in das die überströmende, von Sehnsüchten sprechende Melodik gezwungen wird. Tschaikowskys Fünfte, ein Stück über die Sehnsucht nach Erlösung (verkündet durch das vom Himmel fallende Hornsolo im zweiten Satz) und über die Gnadenlosigkeit des Schicksals: Gerade der Streicherklang gewinnt eine unauslotbare Seelentiefe, wendet sich nach innen, statt mit überschwänglicher Gebärde das architektonische Gerüst zu überspülen. Eine überwältigende Aufführung, die die Erinnerung an die unerhebliche erste Konzerthälfte mit Mendelssohn und Weber sofort auslöscht. Jörg Königsdorf

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THEATER

Zuckerkuchen

gelingt immer

Inzwischen hat es sich herumgesprochen: Familientreffen stecken voller Tücken. Besonders solche, die im Theater, auf der Bühne stattfinden. Da brechen die Dämme der Wohlanständigkeit, und die Leichen kommen aus dem Keller, je festlicher der Anlass des Zusammenkommens, desto mehr. Das ist auch bei Ralf G. Krolkiewicz in seiner Tragikomödie Sonst is alles wie immer nicht anders. Selbst wenn, zunächst, ein Hauch von Gemütlichkeit über der Geburtstagsfeier für einen halbdebilen 90-jährigen Familienpatriarchen liegt. Vier selbst ins Alter gekommene Töchter samt kuriosem Anhang spielen um 1990 Normalität, in einem furiosen Weibergeschnatter, das sich mühsam beschwichtigend über Abgründe hinweghangelt. Es herrscht Männermangel, und da werden auch eine Lesbe und ein mafiöser Schmuggler billigend in Kauf genommen. Bis schließlich doch ein Messer zum Einsatz kommt und der längst nicht mehr nüchterne Attentäter erfährt, dass er im Inzest gezeugt worden ist. Aber: Sonst ist alles wie immer. Auch der Zuckerkuchen gelingt noch.

Hans-Joachim Frank hat den munter fließenden, leicht dialektgefärbten Text im Theater 89 inszeniert (wieder am 5., 9.-12. und 16.-19. Februar) mit einem Ensemble, das seit Jahrzehnten im erfundenen thüringischen Familienverband zu leben scheint. Man erfährt viel über Leute zur Wendezeit, manchmal mehr, als der Text verrät. Schade nur, dass die tiefe Bühne die Schauspieler für viele Zuschauer oft nahezu unsichtbar macht. Christoph Funke

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