Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

KLASSIK

Der Trost

der Mäßigung

Der Begriff „gemäßigte Moderne“ hat etwas Tröstliches an sich, vermittelt er doch den Eindruck, man könne die Zumutungen unserer Zeit quasi vom Wintergarten aus betrachten. Die Konzertreihe Kairos-Kronos , die die Akademie der Künste in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Symphonie Orchester, dem Rundfunk Sinfonieorchester und der Kammerakademie Potsdam veranstaltet, bietet viel Musik dieser Art. Die fünfte Veranstaltung der Reihe beginnt mit dem frühen Konzert für Streichquartett und Schlagzeug von Karl Amadeus Hartmann, ein Werk voll mit ironischen, musikantischen, auch jazzigen Zutaten, vom Danae Quartett und Jens Hilse forsch in Szene gesetzt. Ebenso gut gelingt dann das elegische Streichquartett des jungen Japaners Toshiyuki Bamba, eine romantisch schwelgende Todesfantasie, und das in bester Minimal-Music-Manier komponierte „G Whiz“ der Amerikanerin Sheila Silver. Schön wäre es, wenn die AdK, die mit der Reihe einen recht problematischen Saal als Konzertsaal einführt, auf den Rahmen etwas mehr Aufmerksamkeit legen würde. Das Programmheft gibt nicht die geringsten Informationen zu Musikern (sie entstammen dem DSO), Komponisten und Werken. Man muss die gemäßigte Moderne nicht auch noch mäßig präsentieren.

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KUNST

Das Meer

in mir

Schwimmt er noch? Ertrinkt er schon? Auf einem riesigen Holzschnitt kämpft ein Kahlköpfiger mit dem Meer. In Gestalt von tausend wirren, brutal ins Holz gerissenen Linien steht dem Mann das Wasser bis zum Hals. Der Chinese Fang Lijun (geboren 1963) beherrscht sein Schnitz-Werk in allen technischen Varianten: Weißlinienschnitt, Farbholzschnitt, raffinierte Mehrfachdrucktechniken zeigt er im Kupferstichkabinett , der ersten Museumsausstellung seiner Grafik in Deutschland (bis 17. April, Di-Fr 10-18, Sa/So 11–18 Uhr). Es ist eine faszinierende Synthese aus chinesischer Tradition und nordeuropäischer Expression von Munch bis Baselitz, die dem Künstler aus Peking gelingt. Dabei artikuliert er sich in einer ganz persönlichen Bildsprache, nicht im agitatorischen Sinne politisch, aber gleichsam bewegt durch eine gesellschaftskritische Unterströmung. Das Wasser, Fangs durchgängige Metapher, wandelt sich in vielen Arbeiten zu Riesenpuzzles wogender Glatzköpfe. Die Menge erscheint als Tausendtier, als Meer der Menschen, in dem sich doch immer nur der (kahlköpfige) Künstler selbst widerspiegelt. Jens Hinrichsen

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