Kultur : KURZ & KRITISCH

H. P. Daniels

POP

Das Glimmen

der Stimme

David Gray freut sich über den frenetischen Empfangsjubel im ausverkauften Huxley’s , setzt sich ans Klavier und singt. Die Stimme laut, dominant und seltsam modulationsarm. Ein Cello streicht im Hintergrund. Keyboards, Gitarre, Schlagzeug, Bass. Gute Band, aber kaum Dynamik. Gray kugelt heftig mit dem Kurzhaarkopf: „Sail Away“. Kein Wind, kein Sturm. Warme Melodien, die merkwürdig kalt lassen. Der Erfolg scheint Gray Recht zu geben. Und das ist vielleicht seine Tragik. Jahrelang wollte kaum jemand etwas wissen von dem britischen Singer-Songwriter, dessen melancholische Lieder tief berühren können. Pure Verzweiflung über mangelnden Erfolg ließen ihn schließlich herumexperimentieren mit erfolgversprechenderem Massengeschmack. Und plötzlich füllt David Gray größte Arenen. Dahin sind allerdings Intimität, Gefühl und Seele. Und während das Konzert so dahinplätschert, hat man die Hoffnung schon fast aufgegeben, denkt ans Gehen. Dann wird es doch noch mal interessant. Gray ganz allein mit Akustikgitarre: Da scheint etwas auf, ein Glimmen in der Stimme, im Open Tuning der Gitarre. Feine Version von „Babylon“ und „Friday I’m In Love“ von The Cure. Die Fans sind begeistert. Nächstes Mal im Stadion mit Elton John und Phil Collins?

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KLASSIK

Der Furor

des Herzens

Glückliches Österreich! Was für ein Musikleben blühte einst in deiner Donaumonarchie. Du Heimat von rosigen Genies. Es muss wunderbar sein, an einem Abend durch deine klingende Geschichte zu eilen, von Mozart über Dvobfk bis hin zu Berg. Das ganze gespielt von den Berliner Philharmonikern unter der Leitung des Linzers Franz Welser-Möst . Ein Traum – der in der Philharmonie leider unerfüllt bleibt. Welser-Möst, der in Zürich und in Cleveland prestigeträchtige Chefpositionen innehat, trennt die Musik so sorgfältig ab von ihrer Scholle, dass sie heimatlos durch den Saal irrt. So fehlt Dvobfk fünfter Symphonie jegliches Gespür für die Rhythmen des östlichen Europas, die Wärme des Sentiments, der Furor des Herzens. Wie aufregend diese musikalische Landschaft sein kann, hat Nikolaus Harnoncourt oft gezeigt, auch in Berlin. Wie grausam hohl dagegen ein globalisiert gespielter Dvobfk klingen kann, verrät Welser-Mösts in einem lauten, mechanisch-schrillen Finalsatz. Was genau im zweiten Satz von Mozarts Klarinettenkonzert passiert, lässt sich nur schwer sagen. Welser-Möst dimmt den Orchesterpart so sehr herunter, als wolle er ihn aus dem Zusammenklang heraushalten. Das Ergebnis ist von trostloser Nüchternheit. Auf diesem Boden blüht nichts mehr – an Wenzel Fuchs, dem hingebungsvollen Soloklarinettisten, liegt das nicht (noch einmal heute, 20 Uhr). Ulrich Amling

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