Kultur : KURZ & KRITISCH

Konstantin J. Sakkas

KLASSIK

Flirrender

Salon

Mozart und kein Ende – auch im völlig überfüllten Berliner Musikinstrumentenmuseum gab es am Sonntag Werke des Götterlieblings: Christine Schornsheim spielte auf dem Hammerflügel die Klavierkonzerte KV 414 und 449. Ihr zur Seite stand indes kein Orchester, sondern ein Streichquartett, mit Ulla und Elisabeth Bundies (Violine), Volker Hagedorn (Viola) und Albert Bruggen (Violoncello). Salonhaft flirrend, zugleich mit akademischer Noblesse erklangen die beiden Konzerte in den typischen Mozarttonarten A- und Es-Dur. Schornsheim blieb, im Sinne der reduzierten Instrumentierung und des zarten Hammerflügelklangs, prima inter pares; trotzdem hätte man sich, indem das kleine Begleitensemble sie mitunter geradezu überstimmte, einen beherzteren Zugriff von ihr gewünscht. Als spritzig und lebhaft, unpathetisch und gutgelaunt lernte man hier die Klavierkonzerte kennen. Ein gleichsam barocker Sound, kühl und vibratoarm, durchzog auch das Streichquartett KV 157. Das kantable Thema des trübsinnigen zweiten Satzes wurde mit Strenge und Disziplin vorgetragen, dem dritten Satz allerdings fehlte anfänglich das nötige Brio – was dem Gang der Musik hier gut zu Gesicht steht, mag ihm dort abträglich sein.

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KABARETT

Päpstliche

Gesten

Fünf Jahre hat sich Arnulf Rating für sein neues Soloprogramm Zeit genommen, nun kehrt er in die Wühlmäuse zurück – will zeigen, dass er nach wie vor zur Spitze des deutschen Kabaretts zu zählen ist. Rating führt jeden Satz aufgeräumt bis zur Pointe. „Reich ins Heim“ – so formuliert er das Ziel seiner Unternehmung und dem nähert er sich mit konstant hohem Tempo auf konstant hohem Niveau. Das Frappierende seines Wortwitzes entsteht dabei häufig aus dem scheinbaren Widerspruch zwischen Naheliegendem und Originellem. Weniger ausgetüftelt sind Ratings Figuren: Mimik, Gestik und Stimme werden zwischen den Rollen nur minimal abgewandelt, Brillengestelle und Sitzplätze gewechselt – das Charakteristische seiner Figuren liegt nicht in ihrer Äußerlichkeit, es entsteht durch ihre entlarvenden Beiträge zur Debatte um Merkel und Methusalem, Demoskopie-Debakel und Papst-Popularität. Das mag wie der kabarettistische Kanon klingen, aber nur wenige kontern die Realitätsferne der Politiker so multiperspektivisch und schmeißen derart Verwirrung stiftend und Totschlag argumentierend mit Zahlen, Fakten und Statistiken um sich wie Rating (noch vom 7.–12. und 14.2., 20 Uhr). Richard Kropf

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KUNST

Schillernde

Truthähne

In einem Kabinett im Museum für Islamische Kunst herrscht gedämpftes Licht. Empfindlich sind die vierhundert Jahre alten Kleinformate, die mit Deckfarben auf Papier gemalt sind. In den Naturdarstellungen der persischen und moghulindischen Buch- und Miniaturmalerei dominieren die Vögel. Geflügelte Schönheit – ein schöner Titel für die zauberhafte Ausstellung im Pergamonmuseum (Museumsinsel, Am Kupfergraben, bis 1.5., Di-So 10-18, Do 10-22 Uhr). Die schillernden Darstellungen von Truthähnen, Flamingos, Pelikanen und Enten aus dem Persien und Nordindien des 15. und des frühen 16. Jahrhunderts sind ein Fest fürs Auge. Aber darüber hinaus vermag es die Kabinettausstellung, die Naturentdeckung in der Kunst der muslimischen Dynastien ab dem 13. Jahrhundert nachzuzeichnen. Das Bildhafte regt sich zunächst in Form von Blumenranken zwischen Zeilen des Korans, später ergänzen in Texte eingefügte Deckfarbenzeichnungen von Pflanzen und Tieren die Abhandlungen einer naturwissenschaftlichen Enzyklopädie. Schließlich blüht die gemalte Natur eigenständig auf in den nordindischen Preziosen. Jens Hinrichsen

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LITERATUR

Biblische

Tragödien

Ella Miller, erfolgreiche Archäologin, hat ihren Mann vor die Tür gesetzt. Es gibt ein Nachbeben: Gezanke, Drohungen, Verletzungen. Das ganze banale Repertoire einer Trennung. Nicht selten erinnert der typische Ton der israelischen Autorin Zeruya Shalev an den einer verheulten Freundin, die zu Besuch gekommen ist, um bis zum Morgengrauen all ihren Kummer auszubreiten. Man kennt das aus Shalevs vorangegangenen Romanen (dem Bestseller „Liebesleben“ und „Mann und Frau“), dieser Trilogie über die Liebe in der Moderne, die die Autorin mit „Späte Familie“ nun beschließt. Aber: Der Redefluss der Ich-Erzählerin, die langen Satzkolonnen führen immer schärfere, klarere Beobachtungen mit sich. Shalev zeigt die Brüche ihrer Figuren. Man sieht zu, wie die sture, starke Ella allmählich unter dem Druck zusammenbricht, ihrem Sohn den Vater geraubt zu haben. Dass Ella sich in den Psychiater Oded verliebt, gewährt ihr nur kurz Aufschub... Psychologie, bemerkt Oded, sei wie die Archäologie eine Aufdeckung von Schichten auf der Suche nach einer immer nur vorläufigen Wahrheit. Genau so geht Shalev vor. Mit ebenso beeindruckender wie beklemmender Präzision seziert sie das Hin und Her schnell wechselnder, widersprüchlicher Gefühle und mahlender Selbstzweifel; und das Ringen der beiden Erwachsenen um ihre Liebe, jenseits von Schuld, Missverständnissen und Machtkämpfen.

Am Ende, Ella und Oded sind zerrüttet und kurz davor aufzugeben, als die Kinder sich bereit zeigen für diese späte Familie. Alles gut? Was die Familie angeht, bleibt das offen. Was den Roman betrifft: kaum. Ein wenig leidet er unter der Überhöhung der Alltagskonflikte zu Tragödien biblischen Ausmaßes. Einige der von biblischem Duktus getragenen seitenlangen Reihungen mit leitmotivischen Wiederholungen und Beschwörungsformeln ermüden. Dass Shalev sich perfekt auf ihren poetischen Prosafluss versteht, fängt dieses Defizit nicht ganz auf. Marc Neller

Zeruya Shalev: Späte Familie. Roman. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Berlin Verlag, 2005; 580 S., 22 Euro. Die Autorin und die Schauspielerin Maria Schrader lesen am Donnerstag um 20 Uhr im Kesselhaus der Kulturbrauerei aus dem Roman.

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