Kultur : KURZ & KRITISCH

Philipp Lichterbeck

FILM

Der Flug des

Bildermachers

Kameramänner stehen meistens im Schatten großer Regisseure und Schauspieler. Kaum ein normaler Kinogänger, der ihre Namen kennen würde. Bei Michael Ballhaus ist das anders. Er gilt als einer der großen visuellen Neuerer des Kinos, der den Werken von Rainer Werner Fassbinder und Martin Scorcese einen unverkennbaren Stempel aufdrückte. Ballhaus hat immer versucht, Bilder zu finden, die „von allein Geschichten erzählen“, wie er sagt; und er ist der Erfinder der 360-Grad-Fahrt um die Akteure herum. Für sein Lebenswerk wird der 70-Jährige mit einer Berlinale Kamera ausgezeichnet. In der American Academy in Berlin-Wannsee sprach er über seine gelungensten Szenen. Einfühlsam befragt vom Schweizer Filmkritiker Thomas Binotto, erzählte er vom Aufwand, den die minutenlange ungeschnittene Kamerafahrt durch den Kücheneingang des Copacabana-Clubs in Scorceses „Goodfellas“ bedeutet habe. Wie der Eindruck der Schwerelosigkeit erzeugt worden sei – „als ob die Kamera schwebe“ –, wie Schauspielerbewegungen und der Gang des Kameramanns synchronisiert werden mussten und wie dann am Ende der alte Comedian auf der Bühne dreimal seinen Text vergessen habe. Die Fahrt zeigt die große Kunst von Ballhaus, dem bekennenden „Controlfreak“. „Ich komponiere Panoramen“, sagt er. „Man braucht für diese Bilder keine Dialoge.“ Da applaudierten die zahlreichen Besucher dem Mann hinter der Kamera, wie es sonst nur jene erleben, die vor ihr stehen.

* * *

KLASSIK

Der Stand

des Violinisten

Die beste Hommage an Mozart wäre es vermutlich, ihn gar nicht zu spielen. Denn wahre Liebe zeigt sich selten eindringlicher als im Vermissen. Für die zweitbeste Art der Hommage optierten der Cellist Jan Vogler und ausgewählte Mitstreiter seines sommerlichen Kammermusikfestivals Schloss Moritzburg. Sie eröffneten ihr Gastspiel im Kammermusiksaal der Philharmonie mit einem zeitgenössischen Arrangement einiger Nummern des „Figaro“ für Streichquartett. Kenner, die sonst mit saurer Miene die Masse der „Figaro“-Interpretationen zu vergleichen pflegen, durften sich freuen. Ohne Mangel zu spüren, waren sie herausgefordert, zu erraten und im Geiste zu vollenden. Und die Nichtkenner? Die hörten ein ziemlich gut gemachtes Streichquartett, denn der anonyme Arrangeur verstand sein Handwerk. Hätte es nun auch die Geigerin Viviane Hagner im gleichen Maße zum Singen gedrängt wie Vogler, der einen edel timbrierten noblen Barbier schuf, und hätten sie alle bei Mozart so präsent auf dem Bühnenboden gestanden wie der Violinist Colin Jacobsen und der Klarinettist Jörg Widmann in der Bearbeitung von Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“ – ja, dann! Dann wäre das Jubiläumswunder geschehen und das abschließende Trio KV 563 wäre zum imaginären Arrangement einer verlorenen weiteren Da-Ponte-Oper geworden. So aber beschloss ein ungewöhnlich gutes Streichtrio ein intelligentes Programm. Carsten Niemann

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben