Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Balladen nah

an der Hörschwelle

Beim Singer/Songwriter-Abend unter dem Motto „Sit down and sing“ dürfte der Altersdurchschnitt des Publikums deutlich über 30 liegen, wie fast immer im Quasimodo . Wissen die Leute eigentlich, was sie verpassen? An keinem anderen Veranstaltungsort spürt man solche Hingabe, nirgends sonst wird so konzentriert zugehört. Das ist auch unerlässlich, wenn der schwedische Barde Christian Kjellvander mit flüsternd leisem Bariton seine traurigen Balladen anstimmt und nah an der Hörschwelle auf der Gitarre herumraschelt. Man hat immer Angst, dass die Lüftung seinen Vortrag übertönen könnte, aber irgendwie bahnen sich diese stillen, in der Tradition von Nick Drake stehenden Lieder einen Weg direkt ins Herz. Der blasse, schöne Kjellvander muss den gut gefüllten Club nicht warmspielen. Das hat Dirk Darmstaedter erledigt. Der Deutsch-Amerikaner spielt ein energisches, eloquentes Set mit einer Coverversion des sarkastischen „Motel Blues“ von Loudon Wainwright III. als Höhepunkt. Als Letzter schlurft der eigentliche Star des Abends auf die Bühne: Lloyd Cole , schottische Songwriter-Institution seit über zwei Jahrzehnten. Mit 45 wirkt er immer noch bubenhaft, seine wachen Augen funkeln, als ein Fan enthusiastisch, aber falsch mitsingt. Überhaupt hat man den alten Grantler selten so entspannt gesehen. Vergessen sein unseliger Auftritt als Heather-Nova-Support vor zwei Jahren, als ein schwatzendes Publikum Cole entnervte. Hier passt alles: ein kundiges, begeisterungsfähiges Auditorium, eine exquisite Songauswahl und ein brillanter, mitreißender Performer. Lang anhaltender Jubel. Sogar das Schneeregenmistwetter wirkt danach freundlich illuminiert.

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LESUNG

Grüner Tee und

Hilfsbereitschaft

Im Kaffee Burger wird der Rückzug ins Private gefeiert. Und kritisiert. Drei junge Autoren stellen im Rahmen der Reihe KOOKread ihre Debüts vor. Softwareherz , über die man nichts erfährt als „lebt in Berlin und im Internet“, liest lyrische Weisheiten – unterlegt mit einer Soundcollage aus David Bowie, Technorhythmen und ihrer eigenen verzerrten Stimme. Sie spricht über die Liebe in der Großstadt. Oder das, was davon übrig ist in Zeiten von Internetsex und Digitalfernsehen. „Komm, lass unsere Haut Helium spalten“ erscheint als Hörspiel im Hamburger Mairisch Verlag.

Ein thematischer Bruch lenkt die Aufmerksamkeit vom Liebesleben der Großstädter zu einem gesellschaftspolitischen Phänomen. Die Kinder der 68er Generation sind erwachsen geworden und hinterfragen die, die alles hinterfragen wollten. Friederike Trudzinski , Jahrgang 1982, beschreibt den Konflikt zwischen yogagestählter, grünteegespülter Mutter und entnervter Tochter. Finn-Ole Heinrich , auch Jahrgang 1982, betrachtet skeptisch die selbstgefällige Hilfsbereitschaft einer Familie, die es sich leisten kann. Zufall, dass die beiden an diesem Abend dasselbe Familien-Thema wählen. Denn in Heinrichs Erzählband, erschienen bei Mairisch, stehen eher Geschichten über junge Menschen, die sich engagiert mit sich selbst und ihrer politischen Welt auseinander setzen. Lea Streisand

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KLASSIK

Silberklang

an VIolinenkranz

Muss ein Streichquartett immer aus Violinen, Bratsche und Cello bestehen? Wenn man Georg Philipp Telemanns Concerti für vier Violinen mit den Geigern der Musica Antiqua Köln und Reinhard Goebel hört, fragt man sich schon, ob die Musikgeschichte nicht auch einen spannenderen Verlauf hätte nehmen können: Kein Goethe’sches Gespräch zwischen vier vernünftigen Leuten ist das. Eher ein Gesang verspielter Geister über den Wassern, bei dem oben und unten beständig vertauscht, geistreiches Experiment und Unterhaltung mühelos vermengt werden. Dafür gibt es großen Applaus im Kammermusiksaal der Philharmonie , ein beifälliges Raunen, das Komponist wie Interpreten gilt. In Giuseppe Valentinis Concerto op. 7 Nr. 11 für vier Violinen und Orchester dann mischen sich Launenhaftigkeit und Mut zu klanglichen Härten mit entspannter vivaldianischer Virtuosität. Eine experimentelle Kantate von Giovanni Battista Ferrandini über die Gottesmutter Maria krönt den Abend: Stella Doufexis’ Interpretation, ihr makelloser Mezzosopran braucht den Vergleich mit Goebels legendärer Einspielung mit Anne Sophie von Otter nicht zu scheuen. Mag der Basso continuo die Erde noch so aufregend erbeben lassen – ihren Silberklang umstrahlen die Violinen als Corona. Carsten Niemann

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