Kultur : KURZ & KRITISCH

Christine Wahl

KABARETT

Das Leben

ist ein Experiment

„Ist es nicht interessant, dass es für Menschen mit geringen finanziellen Mitteln nur unattraktive Textilien gibt? Müssen wir nicht feststellen, dass das, was früher die natürliche Selektion geleistet hat, wir heute durch Mode imitieren?“ Durch solche dringend klärungsbedürftigen Fragen gründelt sich das Forscherteam Ersatzverkehr/Urban Lies unter der Regie von Lajos Talamonti in den Berliner Sophiensälen (noch einmal heute, 20 Uhr). Da der Abend unter dem Motto „Superposition. Eine Wissensgesellschaft“ steht, beschränkt er sich dabei natürlich nicht auf evolutionsbiologische Kleinigkeiten. Dilettiert wird wie im wahren Leben auf sämtlichen Gebieten. Nur ist das im Theater eben sehr viel lustiger. Zumindest, wenn vier so begabte Subtilkomiker ihre geballten Kompetenzen vor einer derart zielsicheren Feinhumoristin ausbreiten wie hier. Durchgespielt werden so ziemlich alle Präsentationsformen soliden Halbwissens, die die Informationsgesellschaft aufzubieten hat – von der als Forschungsbericht getarnten Selbstbeweihräucherung bis zur halbseidenen IQ-Test-Show. Kleinen Längen folgt garantiert eine genialische Eskapade, die sofort versöhnt – wie der chirurgische Eingriff in eine Apfelsinenschale zum Zwecke der Fettabsaugung. Vor laufender Kamera.

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ARCHITEKTUR

Das Leben

ist ein Tuschkasten

Die Bauten des 20. Jahrhunderts sind auf der Liste der Unesco-Welterbestätten bisher unterrepräsentiert. Daher stehen Berlins Chancen nicht schlecht, dass sechs seiner denkmalgeschützten Siedlungen der Moderne diese begehrte Auszeichnung erhalten. Inzwischen ist der Antrag für die Aufnahme der Siedlungen eingereicht, doch bis zur Entscheidung – frühestens 2007 – kann Werbung für das Berliner Anliegen nicht schaden. Eine Wanderausstellung in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung macht anhand von Modellen und Fotos mit den Siedlungen und ihren Architekten vertraut (Behrenstraße 42, bis 30. März). Den Auftakt bildet die Siedlung Falkenberg von 1913/15, wegen ihrer starken Farbigkeit auch als „Tuschkasten-Siedlung“ bekannt. Entworfen hat sie Bruno Taut (1880-1938), der in der Weimarer Republik noch zahlreiche weitere Siedlungen verwirklichte, darunter die gemeinsam mit Martin Wagner errichtete Hufeisensiedlung (1925/31), die Wohnstadt Carl Legien (1928/30) sowie die Siedlung Schillerpark (1924/30). Die revolutionäre Farbigkeit von Tauts Bauten thematisiert die Ausstellung ebenso wie die sozialen Rahmenbedingungen und das internationale Umfeld der Berliner Siedlungsbewegung. Mit ihren Zeilenbauten wie sie die „Weiße Stadt“ in Reinickendorf und die „Ringsiedlung“ in Charlottenburg zeigen, sprengten sie in den Zwanzigerjahren das enge Blockraster der Mietskasernen der Gründerzeit und sorgten so für bezahlbaren Wohnraum mit Licht und Luft. Jürgen Tietz

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