Kultur : KURZ & KRITISCH

Hans von Seggern

POP

Geknöpftes

Oberhemd

Geschlechtertrennung herrscht auf den Pausenhöfen der Grundschulen in den späten Siebzigern. Die Jungs hören Sweet und benennen ihr Haustier nach deren Sänger Brian. Die Mädchen hingegen bevorzugen Smokie und vergöttern deren Sänger Chris Norman. Die Album-Cover jener Jahre zeigen, was damals „nabelfrei“ hieß: lässig geknöpfte Hemden. Mit eben dieser Lässigkeit kehrt Chris Norman nun mit einer fünfköpfigen Band auf die Bühnen zurück. Schlagzeuger Pete Spencer ist im Tempodrom neben Norman das einzige Mitglied der Originalformation. Dreißig Jahre leben sie nun schon nicht mehr Tür an Tür mit „Alice“, ihr größter Hit aus dem Jahr 1976. Doch der Trennungsschmerz scheint der Gruppe zu bekommen: Norman gibt den Frontmann einer Combo, die nicht nur mit Schmuserock wie „Stumblin in“ oder „Lay back in the arms of someone“ brilliert. In einem umjubelten Medley präsentiert Norman Hits seiner Vorbilder: Wilson Pickett, Peter Gabriel und Lonnie Donegan. Als Folk-Gitarrist begeistert er solo; die Stimme rauchzart im Timbre, immer wieder lieblich tremolierend. Über die schmalzigen Untiefen der Ballade „Million miles to nowhere“ sieht jeder gern hinweg.

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POP

Gestärkte

Kragenspitze

Bela Lugosi lebt! Keine Angst, hier geht es um keinen Ex-Dracula-Mimen, sondern um Bauhaus , die Urväter der Gothic-Musik. Bereits mit ihrer ersten Single „Bela Lugosi’s Dead“ setzten die ehemaligen Kunststudenten aus Northampton der Punkbewegung ein Schauer-Stück entgegen, das später von Sepultura bis DJ Hell gecovert wurde. Obwohl sich die Band 1983 aufgelöst und seitdem kein neues Lied geschrieben hat, begeistert sie in der Columbia-Halle mit alten Songs wie „Dark Entries“ oder „Stigmata Martyr“ als Rituale des Triumphs nihilistischer Leidensmänner. Peter Murphy singt noch immer, als hätte eine gestärkte Kragenspitze seine Kehle geritzt. Mit seinen dandyhaften Gesten, dem Augenrollen und dieser melodiös malmenden Stimme über einem Bandsound, der sich wie eine Knochenhand aufs Trommelfell legt: die eisige Gänsehautgitarre von Daniel Ash, der Grummelbass von David Jay und das hallige Schlagzeug von Kevin Haskins. Zur Ruhe kommen sie erst mit dem elegischen „Severance“ von Dead Can Dance. Im Zugabenteil legen sie eine Version von „Ziggy Stardust“ nach. Und zuletzt: „Bela Lugosi’s Dead“. Da kommt Murphy im Fledermausumhang auf die Bühne und macht ein bisschen Mummenschanz, aber egal: Die Zeitreise ist das Ereignis dieser Night of The Living Dead. Volker Lüke

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