Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Tewinkel

VORTRAG

Was gefällt,

ist keine Kunst

Zu glauben, dass die Musik uns bessere, sei borniert, sagt Richard Taruskin . Das zeige die finstere Geschichte des vergangenen Jahrhunderts: Soll man im Ernst glauben, der Musik Beethovens zuzuhören, mache den Menschen erst zum Menschen? Hörte denn etwa ein Karajan auf, musikalisch zu sein, als er in die Partei eintrat? Der amerikanische Musikhistoriker spricht vor einem vollbesetzten Hörsaal in der Freien Universität . Aufmerksam verfolgt die Berliner Musikwissenschaftsprominenz, wie Taruskin den ideologischen Kern abendländischer Musikgeschichte in Händen wendet und diskutiert: die Autonomie der Musik, seit zwei Jahrhunderten als fixer Gedanke etabliert, spätestens seit Adorno mit der Vorstellung verknüpft, Kunst könne menschen- und gesellschaftsbildend wirken.

Autonomie, so beginnt Taruskin, verlange eigenwillige Bewertungsmaßstäbe. Sie schiebe den Künstler in eine makellose Parallelwelt und stehe selbst für das Transzendente, Numinos-Unwissbare. In diese Kunstwelt-Ordnung bricht nun aber das Leben ein, mit der Unmöglichkeit etwa, einen „Schostakowitsch wie einen Haydn“ zu hören. Ohne Metaphern über Musik zu sprechen. Zwischen dem „Werk selbst“ und seiner „Interpretation“ oder „Rezeption“ zu scheiden. Taruskin durchleuchtet Bachs Passionen auf ihren Anti-Judaismus, er spricht über die von den Amerikanern gestifteten Darmstädter Ferienkurse und den Kalten Krieg. Er demonstriert, wie Verlage das Image der von ihnen betreuten Komponisten bilden und zitiert Schönberg – Kunst sei nicht für alle, was für alle sei, sei aber keine Kunst. Er fragt nach der sonderbaren Utopie einer geschichts-freien Musikgeschichte und problematisiert die Ideologie einer unpopulären, gerade darum prestigereichen Musik. „Dass sie autonom ist“, sagt Taruskin, „mag die Musik einstmals gestärkt haben. Heute könnte sie aus denselben Gründen für die Gesellschaft irrelevant werden.“

* * *

TANZ

Gangsta oder

Gutmensch

Tommy the Clown ist nicht nur ein Hip- Hop-Tänzer mit Vorliebe für ulkige Verkleidungen, er ist der Vater einer neuen Bewegung: Krumping ist das neue große Ding. Das Hebbel-Theater proudly presents: tanzende Underdogs, direkt aus dem Schwarzen-Ghetto von Los Angeles. Subkultur! Bewegung von unten! Street credibility! All das verkörpern Tommy und seine Hip Hop Clowns, die das Tanzfestival „Context“ im HAU 1 eröffneten (noch einmal 15.2., 19.30 Uhr). Dabei sind Tommys Teenies längst auf MTV zu bewundern. Der Mainstream hat sie flugs umarmt, und Tommy hat die Unterhaltungs-Formate alle inhaliert.

Angefangen hat alles damit, dass Tommy auf Kindergeburtstagen auftrat. Das Clowning aber radikalisierte sich zum rabiateren Krumping. Das war 1992, die Zeichen standen auf Revolte, auch die grimmige Tanzwut wirkte ansteckend. Tommy ist zugleich Street Worker, gebärdet sich wie ein durchgeknallter TV -Prediger. „Er verkörperte Negativität. Jetzt ist er positiv.“ So führt er seine Kids ein, schwarze Schäfchen, denen er mit Erfolg predigt: Du kannst Gangster werden – oder Tänzer. Diese Kids haben die Kurve gekriegt: Sie lenken ihre Wut in ultraschnelle, aggressive Moves um. Aber auch in Tommys Clownsschule regieren die Gesetze des Großstadtdschungels: Survival of the fittest. Faszinierend sind die Verzerrungen des Krumping, das zwischen animalisch und martialisch, roboterhaft und cartoonesk, anstößig und aufrührerisch changiert. Doch wenn die Kids in den Battles gegeneinander antreten, wirken sie oft wie dressierte Kampfmaschinen. Immerhin geht hier keiner drauf. Sandra Luzina

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